Wolf Vostell – SUN IN YOUR HEAD

Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des Museo Vostell Malpartida vom 17. Okt. 2026 bis Mai 2027

Mit einem Videoprogramm mit Nevin Aladağ, Natalie Bookchin, Daniel Canogar, Nezaket Ekici, Eva & Franco Mattes, Bjørn Melhus, Rosa Menkman und Sabrina Ratté

Anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums präsentiert das Museo Vostell Malpartida (MVM) die Ausstellung Wolf Vostell: Sun in Your Head. Im Mittelpunkt stehen Vostells frühe Fernsehwerke, darunter 6 TV Dé-coll/age (1963), eine Leihgabe des Museo Reina Sofía, die Installation You (1964) und das Video Sun in Your Head (1963).

Ein Videoprogramm mit acht internationalen Beiträgen, von Nevin Aladağ bis Sabrina Ratté, überträgt Vostells Frage nach dem manipulierten Bild in den digitalen Bildstrom – vom PAL-Signal über Found Footage bis hin zu KI-generierten Bildern.

„Wir leben in einer Zeit, in der niemand mit Sicherheit sagen kann, ob ein Bild von einer Kamera aufgenommen oder von einer Maschine erzeugt wurde. Vostell hat diesen Zustand bereits 1963 vorausgesehen. Als er das Fernsehbild direkt vom Bildschirm filmte und es zerfallen ließ, war genau das sein Anliegen: zu zeigen, dass jedes Medienbild konstruiert ist.“


Levin Vostell, Kurator und künstlerischer Leiter des Museo Vostell Malpartida

Bereits Ende der 1950er Jahre, lange bevor das Medium Video existierte, machte Wolf Vostell das Live-Fernsehbild zum Material der Kunst. Das zugrunde liegende Prinzip hatte er 1954 entdeckt, als er in Le Figaro in einer Schlagzeile über einen Flugzeugabsturz auf das Wort „dé-coll/age“ stieß: abreißen, ablösen, verwischen.

Der Ursprung dieser Arbeit mit dem Fernsehbild liegt in der Extremadura. 1958 kam Vostell zum ersten Mal nach Cáceres, und im selben Jahr entstanden in Cáceres der Zyklus Transmigración (1958) sowie in Leverkusen die Installation Das schwarze Zimmer (1958/1959) – die ersten Werke in der Kunstgeschichte, in denen ein laufender Fernseher integriert wurde. In TV für Millionen (1959) griff Vostell dann erstmals direkt in das Fernsehbild ein: Die Live-Übertragung selbst wurde zum Material.

Die erste Videoinstallation 6-TV-Dé-coll/age von WOLF VOSTELL aus dem Jahr 1963 in einer Rekonstruktion von 1995 für das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid
Wolf Vostell, 6 TV Dé-coll/age, 1963, Rekonstruktion 1995. Environment: sechs Aktenschränke, sechs Fernsehgeräte, Telefon. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid

Parallel dazu wurde Vostell zum Begründer des Happenings in Europa. You, ein Happening, das er 1964 zunächst auf Long Island inszenierte, führte zur Entstehung der gleichnamigen Environment-Installation mit Krankenhausbetten und eingeschalteten Fernsehgeräten. Beide Werke werden in ihren Rekonstruktionen von 1995 in der Ausstellung gezeigt.

Das Environment YOU aus dem gleichnamigen Happening von 1964 in einer Rekonstruktion des Nachlass WOLF VOSTELL aus dem Jahr 1995
Wolf Vostell, „You“, 1964, Rekonstruktion 1995. Environment: drei Krankenhausbetten, drei Fernseher, Antennen. Der Nachlass von Wolf Vostell

1976 gründeten Mercedes und Wolf Vostell das Museo Vostell Malpartida (MVM) in dem historischen Komplex einer Wollwaschanlage aus dem 18. Jahrhundert – eines der ersten Museen für zeitgenössische Kunst in Spanien. Vostell konzipierte es als „Museo sin muros“, ein Museum ohne Mauern, in dem Kunst und Natur ein gemeinsames Format bilden. Sein Gründungswerk, VOAEX (1976), ein in Beton gegossenes Automobil, steht noch immer inmitten der Granitfelsen des Naturdenkmals Los Barruecos in der Nähe von Malpartida de Cáceres (Extremadura, Spanien).

Die Ereignis-Skulptur VOAEX - ein einbetonierter Opel Admiral inmitten des Naturdenkmals Los Barruecos in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien
Wolf Vostell: VOAEX – Viaje Hormigon en Alta Extremadura, 1975. Ereignisskulptur in Los Barruecos, Naturdenkmal bei Malpartida de Cáceres

„Mercedes und Wolf Vostell eröffneten dieses Museum 1976 in einer Wollwaschanlage in Los Barruecos, in einem Land, in dem es damals kaum Orte für zeitgenössische Kunst gab. Vostell nannte es ein Museum ohne Wände. Fünfzig Jahre später nehmen wir ihn beim Wort und stellen seine Fernseh- und Videoarbeiten neben Werke zeitgenössischer Künstler, die das Bild heute mit demselben Misstrauen betrachten, das Vostell einst hegte. Das Museo Vostell Malpartida bewahrt nicht nur das, was einmal war. Es zeigt, wie sich sein künstlerischer Ansatz, die Dé-coll/age, weiterentwickelt hat.“

Levin Vostell

02   DAS VIDEOPROGRAMM

Standbilder aus der Video-Choreographie MASS ORNAMENT von NATALIE BOOKCHIN aus dem Jahr 2009
Natalie Bookchin: Mass Ornament, 2009. Video-Choreographie aus Youtube-Videos zu einer Filmmusik. Video still

Acht internationale Positionen führen Vostells künstlerische Strategie der dé-coll/age fort: das Bild als Material, nicht als Botschaft, nun im digitalen Bildstrom. Die Werke laufen auf Bildschirmen, die auf Sockeln unterschiedlicher Höhe aufgestellt sind, angelehnt an die 6 TV Dé-coll/age. Was Vostell 1963 mit sechs Fernsehgeräten begann, setzt sich hier in acht Videoarbeiten fort, deren Bilder aus dem Internet, aus Überwachungssystemen und aus generativen Programmen stammen.

Standbild aus der Videoarbeit THE COLLAPSE OF PAL von ROSA MENKMAN aus dem Jahr 2010
Rosa Menkman: The Collapse of PAL, 2010. Standbild.

Drei Werke greifen direkt in das Signal ein. In The Collapse of PAL (2010) lässt Rosa Menkman Walter Benjamins Engel der Geschichte, das Ende des analogen PAL-Signals betrachten: Für tot erklärt, lebt es als Spur in den vermeintlich besseren digitalen Technologien weiter. In Transit (2011) verwandelt Sabrina Ratté eine beleuchtete Karte von Paris mittels Videofeedback in eine fließende elektronische Landschaft. Daniel Canogars generatives Werk Wayward (2022) bezieht sich explizit auf Vostell: Fünfzig Jahre nach Vostells „Verwischungen“, seinen unscharf gemachten Pressefotos, verarbeitet es die täglichen Nachrichtenbilder der Gegenwart, und da der Nachrichtenstrom niemals versiegt, bleibt das Werk unvollendet.

Drei weitere Künstler arbeiten mit dem gefundenen und dem generierten Bild. In Ich weiß nicht, wer das ist (1991) schneidet Bjørn Melhus Figuren aus den Tonspuren von Film und Fernsehen heraus, verkörpert sie selbst und verwandelt die Leinwand in einen Spiegel der Doppelgänger. In Mass Ornament (2009) fügt Natalie Bookchin Hunderte von online geteilten Videos von Menschen, die allein in ihren Zimmern tanzen, zu einem Medienornament zusammen. In Re: Re: Re: Net Art (2025) lassen Eva & Franco Mattes die Netzkunst der 1990er Jahre wiederaufleben, nun generiert durch eine künstliche Intelligenz: 64 maschinengenerierte Websites auf einem Computer, den sie selbst gebaut haben. Das gefundene Bild, mit dem Vostell arbeitete, kehrt hier als maschinell erzeugtes Bild zurück.

Zwei weitere Arbeiten bringen den Körper zurück ins Bild, so wie es Vostells Happenings taten. In Transmission (2020) baut Nezaket Ekici aus schwarzen Skulpturen einen begehbaren QR-Code; wer ihn scannt, wird aus dem Raum zurück ins Netz geschickt. In Raise the Roof (2007) lässt Nevin Aladağ vier Tänzerinnen mit ihren Stöckelschuhen auf einem geteerten Dach an der ehemaligen Berliner Grenze, einst Patrouillenroute der DDR-Grenztruppen, tanzen; der verstärkte Klang ihrer Schritte verwandelt isolierte Bewegungen in eine gemeinsame Form des Widerstands.

„Alle acht Künstler des erweiterten Videoprogramms übertragen Vostells künstlerisches Prinzip, er dé-coll/age, in die Gegenwart. Sie nehmen das Bild, das ihnen die Technologie ihrer Zeit liefert, und greifen gestalterisch in dieses ein. Für Vostell war es das Fernsehbild; hier sind es das PAL-Signal, die Webcam, der Algorithmus.“

Anemone Vostell, Kuratorin des Videoprogramms

Mehr als sechzig Jahre nach Sun in Your Head, in einem Zeitalter synthetischer und algorithmisch generierter Bilder, rückt die Ausstellung Vostells Frage wieder in den Mittelpunkt: Wer erstellt das Bild, das wir für die Realität halten?

Die Ausstellung wurde kuratiert von Levin Vostell · Das erweiterte Videoprogramm wurde kuratiert von Anemone Vostell · Eine Koproduktion mit dem Goethe-Institut Madrid  ·  Malpartida de Cáceres, Oktober 2026

Bjørn Melhus: Ich weiß nicht wer das ist, 1991. Video-Standbild.

Sculpture Network – Berlin Dialogue II

KuratorInnen-Führung durch die Ausstellung KUNST NACH DER SHOAH – Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie

Boris Lurie: Immigrant’s NO Suitcase (Anti-Pop), 1963. #000548 © Boris Lurie Art Foundation.

Anlässlich des 90. Geburtstags von Wolf Vostell widmet ihm das Kunsthaus Dahlem – (von 1984 bis zu seinem Tod 1998 Schaffensort des Fluxus- und Happening-Künstlers) – die Ausstellung KUNST NACH DER SHOAH – Wolf Vostell im Dialog mit dem NOArt-Künstler Boris Lurie.
Beide Künstler bezogen mit ihrer Kunst politisch Stellung, und arbeiteten die unvorstellbaren Schrecken des Holocaust auf. Die Direktorin und künstlerische Leiterin des Museums, das in den Gebäuden des Ateliers von NS-Bildhauer Arno Breker beheimatet ist, führt in die Thematik ein.

Programm:

16:30 Uhr: Ankunft der TeilmehmerInnen und Willkommensgruß
16:45 Uhr: KuratorInnen-Führung mit Dorothea Schöne, Direktorin und künstlerische Leitung Kunsthaus Dahlem
18:00 Uhr: Get-Together mit Speis und Trank

Programmsprache ist Deutsch.

Teilnahmebeitrag: 25,- EUR
Für sculpture network Mitglieder: 15,- EUR

Die Anmeldung erfolgt über Sculpture Network hier.

Begrenzte Teilnehmerzahl.
Anmeldeschuss: 09.10.2022
 

Wolf Vostell: Bomber über Berlin 1945, 1990. Miniaturflugzeug, Sprühfarbe und Blei auf Fotografie, 74,5 x 105,5 x 13,5 cm. Sammlung Jochheim. (c) VG Bildkunst, Bonn 2022. Foto. Gunter Lepkowski
Über die Ausstellung „KUNST NACH DER SHOAH – Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie“

Zwei Künstler, ein Thema – als Wolf Vostell (1932–1998) und Boris Lurie (1924-2008), sich in den 1960er-Jahren kennenlernten, verband sie bald mehr als eine tiefempfundene Freundschaft. Beide bezogen mit ihrer Kunst politisch Stellung, beide beschäftigten sich mit der Aufarbeitung der unvorstellbaren Schrecken des Holocaust, beide traten Krieg, Grausamkeit und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit aller Kraft entgegen. Ihre rauen Arbeiten widersetzen sich einer einfachen Konsumierbarkeit, die ihnen als ein Gräuel des Kunstbetriebs erschien. Heute erscheinen die Werke der beiden Künstler aktueller denn je, setzen sie doch auf eine Art Schocktherapie, mit der sie das Publikum auf die Kontinuität von Gewalt und Menschenverachtung aufmerksam machen.


Kunst nach der Shoah

VOSTELLs Happening-Raum THERMO-ELEKTRONISCHER KAUGUMMI (T.E.K.) aus dem Jahr 1970 im Museum Ostwall
Wolf Vostell: Thermo-Elektronischer Kaugummi (T. E. K.), 1970
Installation: 5 Lichtquellen, 30 Metallpfähle mit Stacheldraht, 5 Koffer mit Radios und
wärmeempfindlichen Mikrophonen, 13.000 Löffel und Gabeln, Maße variabel
Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie

Zwei Künstler, ein Thema – als Wolf Vostell (1932–1998) und Boris Lurie (1924–2008) sich Mitte der 1960er-Jahre kennenlernten, verband sie bald mehr als eine tiefempfundene Freundschaft. Beide bezogen mit ihrer Kunst politisch Stellung, beide beschäftigten sich mit der Aufarbeitung der Schrecken des Holocaust, beide traten Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit aller Kraft entgegen.

Ihre rauen Arbeiten widersetzten sich einer einfachen Konsumierbarkeit, die ihnen als ein Gräuel des Kunstbetriebs erschien. Heute wirken die Werke der beiden Künstler aktueller denn je, setzen sie doch auf eine Art Schocktherapie, mit der sie das Publikum auf die Kontinuität von Gewalt und Menschenverachtung aufmerksam machen.

Wolf Vostell und das Atelier in Berlin-Dahlem

Wolf Vostell gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstler:innen des 20. Jahrhunderts und ist insbesondere als Mitbegründer der Fluxus-Bewegung bekannt.

Anlässlich seines 90. Geburtstages widmet das Kunsthaus Dahlem ihm und seinemKünstlerkollegen Boris Lurie eine Ausstellung, die sich auf die künstlerische Aufarbeitung des Holocausts und der jüngeren deutschen Vergangenheit fokussiert.

WOLF VOSTELL in seinem Atelier im Käuzchensteig, dem heutigen KUNSTHAUS DAHLEM
Wolf Vostell in seinem Atelier, 1980 (Bild links) und 1981 (Bild rechts). © The Wolf Vostell Estate

Mit dem Ausstellungsort verbindet Wolf Vostell eine besondere Geschichte: Anfang der 1970er-Jahre zog der politisch engagierte Künstler aus dem Rheinland nach Berlin. Ihm erschien der Umzug in den »tragischen Luftkurort«, wie er die Stadt nannte, zwingend notwendig: »Weil [der Ort] ja unsere Geschichte beinhaltet und diese Geschichte verarbeite ich in meinen Bildern und in meinen Objekten.«

Die Stadt Berlin übertrug Vostell 1984 ein Atelier in Dahlem auf Lebenszeit. Die neue Wirkungsstätte befand sich in einem repräsentativen Ateliergebäude, das die Nationalsozialisten von 1938 bis 1942 für den Bildhauer Arno Breker erbaut hatten. Breker hatte in der NS-Zeit nicht nur zahlreiche Privilegien genossen, sondern mit seinen Werken aktiv die Ideologie und Ästhetik des NS-Regimes umgesetzt, insbesondere mit seinem Figurenschmuck für die zukünftige Reichshauptstadt Germania.

Aufarbeitung der Shoah

An diesem historischen Ort führte Wolf Vostell seine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts fort, die er Ende der 1950er-Jahre begonnen hatte. Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur und des Holocaust beschäftigte Vostell in allen Schaffensphasen – in einer Dichte und Vielfalt der künstlerischen Mittel wie kaum einen anderen Künstler seiner Zeit.

In der Ausstellung stehen dafür exemplarisch zwei Arbeiten, die wie eine Klammer sein Werk umschließen. So stehen sich Auschwitz-Scheinwerfer 568 von 1958/59 und dasüber sieben Meter lange Triptychon Shoah 1492–1945 von 1997 gegenüber. Im Zentrumdes großformatigen Bildes stürzt ein gemalter Betonpfeiler auf sich überlagernde,abstrakte Formen, die an manchen Stellen als Körperteile erkennbar sind. Vostell, derauch im spanischen Malpartida de Cáceres lebte, widmete das Werk den 1492 ausSpanien vertriebenen Juden ebenso wie den durch das NS-Regime Ermordeten. Seit 1992 hatte der Künstler mit der Motivfindung begonnen und das Werk schließlich 1997, einJahr vor seinem Tod, vollendet.

Wolf VOSTELLs Triptychon SHOAH 1492-1945 aus dem Jahr 1997 ist eines der Hauptwerke des Künstlers
Wolf Vostell: Shoah 1492–1945, 1997, Acryl und Beton auf Leinwand, Triptychon: 290 × 720 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Im gleichen Jahr äußerte er sich zur Verbindung derbeiden Werke: »Das ist dasselbe in Grün. Das Erste waren Objekte, kein Menschenbild,aber Zerstörungsreste von Menschen und über Menschen. Und der Raum hat alsodeshalb diese Widmung an Auschwitz und an Treblinka. Dieses Mal hat mich eine Figuration interessiert, die nicht illustrativ ist, sondern die Zerstörung im phänomenologischen Sinne zeigt, natürlich gebunden an das Thema. Es ist die Brückevon ’58 bis ’97, zwei Brückenpfeiler, über die eine Brücke geht, über die ich wahrscheinlich noch länger gehen werde.«

Boris Lurie und Wolf Vostell – mehr als eine Künstlerfreundschaft

Im Dialog mit Wolf Vostell stehen in der Ausstellung ausgewählte Arbeiten von Boris Lurie. Beide verband seit den 1960er-Jahren eine enge Freundschaft. Lurie wuchs in Riga auf und erlebte als Jude die Schrecken der Shoah am eigenen Leib. Vostell wollte diese traumatischen Erfahrungen als Deutscher nachempfinden. Es entstand ein intensiver Austausch zwischen den beiden Künstlern.

Während der weibliche Teil der Familie dem Massenmord der Nationalsozialisten zum Opfer fiel, überlebten Boris Lurie und sein Vater Ilja. Ab 1941 wurden die beiden in verschiedene Konzentrationslager verschleppt und am 18. April 1945 aus der Munitionsfabrik Polte in Magdeburg, einem Außenlager des KonzentrationslagersBuchenwald, befreit. 1946 wanderten sie nach New York aus, wo Boris Lurie 1959 die NO!art-Bewegung ins Leben rief.

Die großformatige Collage A JEW IS DEAD von No!-Art-Künstler BORIS LURIE aus dem Jahr 1964
Boris Lurie: A Jew Is Dead, 1964. Farbe und Papiercollage auf Leinwand, 170 x 295 x 5 cm

Luries Kunst zielte nicht auf Mitleid für die Opfer der Shoah, »sondern auf Erschrecken«. In seinen Werken brachte er immer wieder die nackten Leichenberge des Holocaust mit aufreizenden Pin-ups als Produkte des seiner Meinung nach gleichen inhumanen Systems zusammen. Sein erklärtes Anliegen bestand darin, das Publikum aus seiner selbstzufriedenen Passivität zu reißen und ihm das Fortleben verbrecherischer Systeme vor Augen zu führen. Nicht nur thematisch, sondern auch formal verfolgten die beiden Künstler-Freunde ähnliche Ziele und Strategien. Die zahlreichen inhaltlichen und stilistischen Parallelen zeichnet die Ausstellung im Kunsthaus Dahlem erstmals detailliert nach.

Wolf Vostell: Endogene Depression (version Los Angeles), 1980
Zement auf Fernsehgerät auf Tisch, 125 × 90 × 60 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Thijs ter Hart
Wolf Vostell: Endogene Depression (version Los Angeles), 1980
Zement auf Fernsehgerät auf Tisch, 125 × 90 × 60 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022,
Foto: Thijs ter Hart

Kuratiert wird die Ausstellung von Eckhart J. Gillen.

Die Ausstellung wird gefördert durch die LOTTO Stiftung Berlin, die Boris Lurie Art Foundation, New York, und unterstützt von The Wolf Vostell Estate.

DATEN

Laufzeit der Ausstellung: 8. Juli –30. Oktober 2022

Öffnungszeiten: Mittwoch – Montag 11:00–17:00 Uhr

Kontakt: Frau Dr. Petra Gördüren

Telefon: +49308312012

www.kunsthaus-dahlem.de

Das Kunsthaus Dahlem wird betrieben von der Atelierhaus Dahlem gGmbH, einer Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung, Berlin.

KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Kunst nach der Shoah. Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie

Hg. v. Dorothea Schöne und Eckhart J. Gillen

178 Seiten, 50 Abbildungen, Berlin 2022

ISBN 978-3-9824685-0-1

€ 20,00