Von der ARCOmadrid in das Herz der Extremadura

Eine Sculpture Network-Kunstreise (Experience) in den Frühling

Das Foto zeigt die in das Naturdenkmal "Los Barruecos" integrierte Skulptur "VOAEX" 1976 von Wolf Vostell. Photo A. Mendez.
Wolf Vostell: VOAEX (Viaje [H]Ormigon en Alta Extremadura), 1976. Photo: Armando Mendez.

Dunkel ist es im nordeuropäischen Winter, von November bis April kaum Licht. Und das unter widrigsten Umständen der Weltgeschichte: Klimawandel, Kriege und Chaoten bestimmen die Nachrichten.

Seit einigen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich als Koordinatorin für das europäische Sculpture Network und organisiere in Berlin und DE Nord-Ost Dialog-Veranstaltungen zu Themen der zeitgenössischen Skulptur. Als Kuratorin der Ausstellung BAR DELUXE des in Berlin lebenden Bildhauers und Konzeptkünstlers MK Kaehne im Museo Vostell Malpartida (MVM) entstand der Gedanke, der Sonne entgegen zu eilen und eine sogenannte Sculpture Network Experience nach Spanien zu organisieren.

Den Auftakt macht die internationale Kunstmessen ARCOmadrid. Eine der wichtigsten Messen für zeitgenössische Kunst, die spannende Impulse besonders aus dem lateinamerikanischen Raum nach Europa bringt. In diesem Jahr dreht sich alles um den Amazonas. Auf einem exklusiven Besuch der ARCOmadrid während des privaten Eröffnungstages erkunden wir auf einer geführten Tour die skulpturalen Highlights der Messe.

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Impression ARCOmadrid 2025 mit Werken von Ai Weiwei (Skulptur v. li.) und Miquel Barcelo (Malerei). Photo: Anemone Vostell
Impression ARCOmadrid 2025 mit Werken von Ai Weiwei (Skulptur v. li.) und Miquel Barcelo (Malerei).

Nach einem Networking Dinner mit weiteren Bildhauer*innen aus Madrid und Umgebung geht es am folgenden Tag per Bus weiter in die 3,5 Stunden entfernte mittelalterliche Stadt Cáceres in der Extremadura. Als UNESCO-Weltkulturerbestadt gehört sie zu den Orten mit dem drittgrößten monumentalen Ensemble Europas. Die besonders gut erhaltenen Straßen, Plätze, Paläste und Stadtmauern versetzen die Besucher*in in die Zeit des Mittelalters.

Auf der Plaza Mayor nehmen wir Tapas à la Extemeña: Migas – geröstete Brotkrumen mit Speck und andere Köstlichkeiten. Erhalten eine unterhaltsame Führung durch die beeindruckende Altstadt mit den schönsten Palästen und Kirchen. Am alten Kloster kaufen wir leckerste Mandelplätzchen: dazu klopft man an die Dreh-Durchreiche neben dem Eingang, erfragt die gewünschten Plätzchen und siehe da, die Drehscheibe bringt eine Schachtel zum Vorschein. Als Dank legt man eine Spende auf die Leerstelle und genießt die gesegnete Gabe.

Gruppenphoto auf der Plaza Mayor von Cáceres, im Hintergrund die mittelalterliche Altstadt.
Gruppenphoto auf der Plaza Mayor von Cáceres, im Hintergrund die mittelalterliche Altstadt.

In direktem Anschluss an die Altstadt liegt das Museo de Arte Contemporaneo Helga de Alvear mit einer außergewöhnlich zeitgenössischen Sammlung von mehr als 3.000 Werken führender internationaler Künstler*innen wie Louise Bourgeois, Jenny Holzer, Richard Long und Thomas Hirschhorn, um nur einige zu nennen. Das von dem preisgekrönten Architekten Emilio Tuñón entworfene Museum ist ein beeindruckendes Beispiel moderner Architektur und bietet einen faszinierenden Kontrast zur historischen Umgebung von Cáceres.

Über den Dächern der Stadt genießen wir eine spanische Cena und stromern noch durch die Gassen, bevor es am nächsten Morgen zu dem 10 km entfernten Museo Vostell Malpartida geht.

Das partizipative, der Fluxus- und Konzept-Kunst gewidmete Museum wurde 1976 von dem deutschen Maler, Bildhauer, Video-, Fluxus- und Happenig-Künstler Wolf Vostell gegründet. Inmitten einer außergewöhnlichen Landschaft plutonischen Magmagesteins, in den Gebäuden einer historischen Wollwasch-Anlage aus den Zeiten der Wanderschäferei (Trashumancia) untergebracht, verbindet es die Avantgarde-Kunst mit einem beeindruckenden Naturerlebnis.

Wir werden herzlich vom Museums-Direktor José Antonio Agundez empfangen. Kuratorin Josefa Cortés Morillo sowie Kunsttechniker Alberto Flores Galán führen uns beseelt durch die verschiedenen Sammlungen des Museums: Die Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit so ikonischen Werken wie „Autofieber“ von 1976 oder „Mythos Berlin„, 1987, eine 6 x 9 m große Malerei mit integrierten Objekten, wie Tiergerippe, Autotüren und Fernseh-Geräten.

Ansicht der Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit der Assemblage "Mythos Berlin", 1987
Geführte Tour durch die Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit der Assemblage „Mythos Berlin“, 1987

Über den Hof geht es hinein in eine der größten Fluxs-Sammlungen Europas, der „Donacion Gino Di Maggio“ mit Werken von Shigeko Kubota, Yoko Ono, Nam June Paik, Daniel Spoerri und George Maciunas, dem Begründer dieser internationalen Kunst-Bewegung nach dem zweiten Weltkrieg, u.a.m.

Anschließend sehen wir die von der Sammlung inspirierte Ausstellung „BAR DELUXE – Die Umkehrung des Readymade“ mit Skulpturen, Objekten und Fotoarbeiten des deutsch-russischen Konzeptkünstlers MK Kaehne. Beeinflusst vom russischen Konstruktivismus und dem Moskauer Konzeptualismus untersucht der Künstler die Spannung von Kunst und Funktionalität. Indem Kaehne Alltagsgegenstände in luxuriösem Design und voller Funktionalität neu interpretiert verwandelt er sie in industriell anmutende Kunstwerke, die sich dem praktischen Gebrauch entziehen und so Fragen zur Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft aufwerfen. Der Künstler führt persönlich durch die Ausstellung und erläutert seine künstlerische Strategie.

Nach einem Netzwerk-Mittagessen mit den Freunden des Museo Vostell Malpartida gehen einige Teilnehmer*innen trotz Regenschauern in die Los Barruecos, einem Naturdenkmal aus plutonischem Magmagestein, in das zwei Skulpturen von Wolf Vostell eingelassen sind: VOAEX (Beton-Reise durch die obere Extremadura): ein 1976 von Vostell in Beton gegossener Opel Admrial, und „El Muerto que tiene sed (Der Tote, der durstig ist)“ von 1978.

Anschließend gibt der künstlerische Leiter des Museums, Levin Vostell, mein Sohn und einziger Enkel von Mercedes & Wolf Vostell, eine Führung durch das Atelier und Wohnhaus der Familie, den Palacio de Topete. Ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, das vom Künstler 1977 restauriert wurde. Hier fand 1978 eine der ersten partizipativen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in der Extremadura statt, an der die einheimische Bevölkerung teil hatte. Das Dorf Malpartida de Cáceres wurde zur zweiten Heimat des Paars und symbolisiert ihre lebenslange Verbundenheit mit der Extremadura.

Der Palacio de Topete, Atelier und Wohnhaus von Wolf & Mercedes Vostell, in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien
Palacio de Topete, Atelier und Wohnhaus von Wolf & Mercedes Vostell, in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien

MK Kaehne – BAR DELUXE

The Reversal of the Readymade

29. November 2024 – 9. März 2025

MK Kaehne - Bar Deluxe, 2004. Polyester, Chrom, Leder, 87 x 270 x 250 cm (geöffnet)
MK Kaehne – Bar Deluxe, 2004. Polyester, Chrom, Leder, 87 x 270 x 250 cm (geöffnet)

Die Ausstellung BAR DELUXE des Konzeptkünstlers MK KAEHNE nimmt Bezug auf die Fluxus-Sammlung des Museo Vostell Malpartida – Donation Gino di Maggio und zeigt eine Auswahl von Skulpturen, Objekten und Fotografien aus seinem erweiterten Werkzyklus Bar.

Vor dem Hintergrund des russischen Konstruktivismus und des Moskauer Konzeptualismus hinterfragt KAEHNE die zeitgenössische Idee von Kunst.
Während Duchamp das Urinal zum Readymade erklärte und damit seine Funktion leugnete, betonten Fluxisten wie George Brecht in Werken wie Sink, das in der Sammlung des Museums gezeigt wird, die Absurdität des Alltäglichen.

George Brecht: Sink, 1962 - 1963. Donation Gino Di Maggio im Museo Vostell Malpartida
George Brecht: Sink, 1962 – 1963. Donation Gino Di Maggio

KAEHNE seinerseits bedient sich der Grammatik des Surrealismus, des Dadaismus und des Fluxus und verwandelt die hyperästhetische Funktionalität seiner Objekte und Skulpturen in Kunst.

Neben der Arbeit Bar Deluxe (2004) sind zentrale Werke wie Die Vorliebe der Bourgeoisie für den Surrealismus… (2011) bis hin zu brandneuen Arbeiten wie Partygirls und Stecker, beide aus diesem Jahr in der Ausstellung zu sehen. 

MK Kaehne: Partygirls, 2024. Fotoprint, Passepartout, gerahmt, Ed. 5, 45 x 58,5 cm.
MK Kaehne: Partygirls, 2024. Fotoprint, Passepartout, gerahmt, Ed. 5, 45 x 58,5 cm.

Vernissage unter Anwesenheit des Künstlers

29 November 2024 – 7.30 pm

Museo Vostell Malpartida
Carretetera de Los Barruecos s/n
10910 Malpartida de Cáceres
Extremadura/Spain

Aktuelle Infos finden Sie auf der Facebook-Seite

MK Kaehne – BAR DELUXE

sowie hier:

https://www.facebook.com/museovostellmalpartida

Kunst nach der Shoah

VOSTELLs Happening-Raum THERMO-ELEKTRONISCHER KAUGUMMI (T.E.K.) aus dem Jahr 1970 im Museum Ostwall
Wolf Vostell: Thermo-Elektronischer Kaugummi (T. E. K.), 1970
Installation: 5 Lichtquellen, 30 Metallpfähle mit Stacheldraht, 5 Koffer mit Radios und
wärmeempfindlichen Mikrophonen, 13.000 Löffel und Gabeln, Maße variabel
Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie

Zwei Künstler, ein Thema – als Wolf Vostell (1932–1998) und Boris Lurie (1924–2008) sich Mitte der 1960er-Jahre kennenlernten, verband sie bald mehr als eine tiefempfundene Freundschaft. Beide bezogen mit ihrer Kunst politisch Stellung, beide beschäftigten sich mit der Aufarbeitung der Schrecken des Holocaust, beide traten Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit aller Kraft entgegen.

Ihre rauen Arbeiten widersetzten sich einer einfachen Konsumierbarkeit, die ihnen als ein Gräuel des Kunstbetriebs erschien. Heute wirken die Werke der beiden Künstler aktueller denn je, setzen sie doch auf eine Art Schocktherapie, mit der sie das Publikum auf die Kontinuität von Gewalt und Menschenverachtung aufmerksam machen.

Wolf Vostell und das Atelier in Berlin-Dahlem

Wolf Vostell gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstler:innen des 20. Jahrhunderts und ist insbesondere als Mitbegründer der Fluxus-Bewegung bekannt.

Anlässlich seines 90. Geburtstages widmet das Kunsthaus Dahlem ihm und seinemKünstlerkollegen Boris Lurie eine Ausstellung, die sich auf die künstlerische Aufarbeitung des Holocausts und der jüngeren deutschen Vergangenheit fokussiert.

WOLF VOSTELL in seinem Atelier im Käuzchensteig, dem heutigen KUNSTHAUS DAHLEM
Wolf Vostell in seinem Atelier, 1980 (Bild links) und 1981 (Bild rechts). © The Wolf Vostell Estate

Mit dem Ausstellungsort verbindet Wolf Vostell eine besondere Geschichte: Anfang der 1970er-Jahre zog der politisch engagierte Künstler aus dem Rheinland nach Berlin. Ihm erschien der Umzug in den »tragischen Luftkurort«, wie er die Stadt nannte, zwingend notwendig: »Weil [der Ort] ja unsere Geschichte beinhaltet und diese Geschichte verarbeite ich in meinen Bildern und in meinen Objekten.«

Die Stadt Berlin übertrug Vostell 1984 ein Atelier in Dahlem auf Lebenszeit. Die neue Wirkungsstätte befand sich in einem repräsentativen Ateliergebäude, das die Nationalsozialisten von 1938 bis 1942 für den Bildhauer Arno Breker erbaut hatten. Breker hatte in der NS-Zeit nicht nur zahlreiche Privilegien genossen, sondern mit seinen Werken aktiv die Ideologie und Ästhetik des NS-Regimes umgesetzt, insbesondere mit seinem Figurenschmuck für die zukünftige Reichshauptstadt Germania.

Aufarbeitung der Shoah

An diesem historischen Ort führte Wolf Vostell seine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts fort, die er Ende der 1950er-Jahre begonnen hatte. Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur und des Holocaust beschäftigte Vostell in allen Schaffensphasen – in einer Dichte und Vielfalt der künstlerischen Mittel wie kaum einen anderen Künstler seiner Zeit.

In der Ausstellung stehen dafür exemplarisch zwei Arbeiten, die wie eine Klammer sein Werk umschließen. So stehen sich Auschwitz-Scheinwerfer 568 von 1958/59 und dasüber sieben Meter lange Triptychon Shoah 1492–1945 von 1997 gegenüber. Im Zentrumdes großformatigen Bildes stürzt ein gemalter Betonpfeiler auf sich überlagernde,abstrakte Formen, die an manchen Stellen als Körperteile erkennbar sind. Vostell, derauch im spanischen Malpartida de Cáceres lebte, widmete das Werk den 1492 ausSpanien vertriebenen Juden ebenso wie den durch das NS-Regime Ermordeten. Seit 1992 hatte der Künstler mit der Motivfindung begonnen und das Werk schließlich 1997, einJahr vor seinem Tod, vollendet.

Wolf VOSTELLs Triptychon SHOAH 1492-1945 aus dem Jahr 1997 ist eines der Hauptwerke des Künstlers
Wolf Vostell: Shoah 1492–1945, 1997, Acryl und Beton auf Leinwand, Triptychon: 290 × 720 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Im gleichen Jahr äußerte er sich zur Verbindung derbeiden Werke: »Das ist dasselbe in Grün. Das Erste waren Objekte, kein Menschenbild,aber Zerstörungsreste von Menschen und über Menschen. Und der Raum hat alsodeshalb diese Widmung an Auschwitz und an Treblinka. Dieses Mal hat mich eine Figuration interessiert, die nicht illustrativ ist, sondern die Zerstörung im phänomenologischen Sinne zeigt, natürlich gebunden an das Thema. Es ist die Brückevon ’58 bis ’97, zwei Brückenpfeiler, über die eine Brücke geht, über die ich wahrscheinlich noch länger gehen werde.«

Boris Lurie und Wolf Vostell – mehr als eine Künstlerfreundschaft

Im Dialog mit Wolf Vostell stehen in der Ausstellung ausgewählte Arbeiten von Boris Lurie. Beide verband seit den 1960er-Jahren eine enge Freundschaft. Lurie wuchs in Riga auf und erlebte als Jude die Schrecken der Shoah am eigenen Leib. Vostell wollte diese traumatischen Erfahrungen als Deutscher nachempfinden. Es entstand ein intensiver Austausch zwischen den beiden Künstlern.

Während der weibliche Teil der Familie dem Massenmord der Nationalsozialisten zum Opfer fiel, überlebten Boris Lurie und sein Vater Ilja. Ab 1941 wurden die beiden in verschiedene Konzentrationslager verschleppt und am 18. April 1945 aus der Munitionsfabrik Polte in Magdeburg, einem Außenlager des KonzentrationslagersBuchenwald, befreit. 1946 wanderten sie nach New York aus, wo Boris Lurie 1959 die NO!art-Bewegung ins Leben rief.

Die großformatige Collage A JEW IS DEAD von No!-Art-Künstler BORIS LURIE aus dem Jahr 1964
Boris Lurie: A Jew Is Dead, 1964. Farbe und Papiercollage auf Leinwand, 170 x 295 x 5 cm

Luries Kunst zielte nicht auf Mitleid für die Opfer der Shoah, »sondern auf Erschrecken«. In seinen Werken brachte er immer wieder die nackten Leichenberge des Holocaust mit aufreizenden Pin-ups als Produkte des seiner Meinung nach gleichen inhumanen Systems zusammen. Sein erklärtes Anliegen bestand darin, das Publikum aus seiner selbstzufriedenen Passivität zu reißen und ihm das Fortleben verbrecherischer Systeme vor Augen zu führen. Nicht nur thematisch, sondern auch formal verfolgten die beiden Künstler-Freunde ähnliche Ziele und Strategien. Die zahlreichen inhaltlichen und stilistischen Parallelen zeichnet die Ausstellung im Kunsthaus Dahlem erstmals detailliert nach.

Wolf Vostell: Endogene Depression (version Los Angeles), 1980
Zement auf Fernsehgerät auf Tisch, 125 × 90 × 60 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Thijs ter Hart
Wolf Vostell: Endogene Depression (version Los Angeles), 1980
Zement auf Fernsehgerät auf Tisch, 125 × 90 × 60 cm
The Wolf Vostell Estate © VG Bild-Kunst, Bonn 2022,
Foto: Thijs ter Hart

Kuratiert wird die Ausstellung von Eckhart J. Gillen.

Die Ausstellung wird gefördert durch die LOTTO Stiftung Berlin, die Boris Lurie Art Foundation, New York, und unterstützt von The Wolf Vostell Estate.

DATEN

Laufzeit der Ausstellung: 8. Juli –30. Oktober 2022

Öffnungszeiten: Mittwoch – Montag 11:00–17:00 Uhr

Kontakt: Frau Dr. Petra Gördüren

Telefon: +49308312012

www.kunsthaus-dahlem.de

Das Kunsthaus Dahlem wird betrieben von der Atelierhaus Dahlem gGmbH, einer Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung, Berlin.

KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Kunst nach der Shoah. Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie

Hg. v. Dorothea Schöne und Eckhart J. Gillen

178 Seiten, 50 Abbildungen, Berlin 2022

ISBN 978-3-9824685-0-1

€ 20,00

Gesprengte Ketten vor der Rathenau-Villa in Berlin-Oberschöneweide

HTW-Studenten helfen beim Aufstellen der Skulptur vor der Rathenau-Villa in Berlin-Oberschöneweide
HTW-Studenten helfen beim Aufstellen der Skulptur vor der Rathenau-Villa in Berlin-Oberschöneweide

Zum Auftakt der im Herbst dieses Jahres stattfindenden 9. Internationale Konferenz für zeitgenössische Gusseisenkunst (ICCCIA – International Conference on Contemporary Cast Iron Art) wurde die Skulptur „Gesprengte Ketten“ von Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf vor der Rathenau-Villa im Oberschöneweide aufgestellt.

Georg-Friedrich Wolf: Gesprengte Ketten, 2002. Eisenskulptur aus geschmiedeten Stabketten, H 4,7 m
Georg-Friedrich Wolf: Gesprengte Ketten, 2002. Eisenskulptur aus geschmiedeten Stabketten, H 4,7 m

Susanne Roewer, die zusammen mit Prof. Susanne Kähler von der Hochschule für Wirtschaft und Technik (HTW), die Fachtagung für die Erforschung und Praxis der zeitgenössischen Gusseisenskulptur ausrichtet und ebenfalls Bildhauerin ist, erklärt gemeinsam mit Hausherr Constantin Rehlinger, Chef der Elektro-Innung Berlin, dass über den Sommer weitere Skulpturen am neu anzulegenden Hochschulcampus aufgestellt werden, und so praktisch die ehemalige Verbindung der Rathenau-Villa zur Novilla (Hasselwerder Villa) am anderen Spreeufer nachbilden.

Constantin Rehlinger (GF Elektro-Innung Berlin) und Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf
Constantin Rehlinger (GF Elektro-Innung Berlin) und Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf

Fotos: Gerhard Haug und Steffen (Skulptur)

Die Sterne von Geisa – gesellschaftskritische Pop Art und Collagen von DIKLA STERN

Eine Ausstellung anlässlich des Jubiläumsjahres „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“

28. 08. – 08.10.2021, Vernissage: Freitag, 27. August 2021, 19:30 Uhr

Die Sterne von Geisa, Pop Art on Paper, Mai 2021. © Dikla Stern / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

In der retrospektiven Ausstellung „Die Sterne von Geisa“ stellt die in Berlin lebende Künstlerin DIKLA STERN neben gesellschaftskritischer Malerei und Collagen der letzten zehn Jahre auch eine für die Ausstellung in der ANNELIESE DESCHAUER Galerie produzierte Sonderanfertigung vor.

Die Auseinandersetzung mit Gesellschaft im Spannungsfeld von Macht und Unterdrückung, Recht und Freiheit, ist teils diskret, aber auch ganz direkt beständiges Thema in den Werken von DIKLA STERN.

„In meiner Malerei hebe ich kritische Zustände durch Übertreibung hervor und projiziere meine Wahrnehmung unserer alltäglichen Realität anhand von Sujet und Titel überspitzt auf Personen oder Objekte. Meine Arbeiten definiere ich als „Political Satirical Pop Art“.       

[Dikla Stern]

Anlässlich des Jubiläums 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland (JLID 2021)gewährt die Enkelin des gebürtigen Geisaners Albert Stern (*30.07.1916 in Geisa †27.08.1985 in Tel Aviv) darüber hinaus Einblicke in die Familiengeschichte: Fotos und Korrespondenzen ihrer Ur-Ur-Großeltern in Geisa, Dokumente und Filmmaterial des Großvaters von der Flucht nach Israel, geben Zeugnis von der Jüdischen Kultur in Geisa.

Political satrical pop art

Es ist der Hintergrund vor dem DIKLA STERN – nach verschiedenen Stationen in Deutschland, Israel und den USA –   ihre Arbeit als freie Künstlerin entwickelt.  Ihre Werke beschreiben gesellschaftliche Phänomene, die als „gestört“ wahrgenommen werden. Zeitgenössische Themen und Ereignisse werden künstlerisch reflektiert und nach dem kollektiven Einfluss von Medien, Politik und Geschichte auf das einzelne Individuum befragt.

Bella Ciao, Pop Art on Paper, Januar 2020. © Dikla Stern / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Künstlerin bedient sich der sowohl figurativen wie realistischen Sprache der Pop Art. Formale Strukturen treffen auf das figurative Bild. Signifikante Bildsymbole werden eingegliedert in maltechnische Strukturen von Form, Farbe, Linie und Komposition. Dabei ist STERNs Auswahl der Motive geprägt von der Philosophie der kritischen Theorie. 

Neben Sicherheitsprodukten wie – in den USA frei zugänglichen – Waffen (Brother & Sister, 2017), oder medizinischem Gerät (Arsenal, 2015) setzt sich die Künstlerin aktuell vermehrt mit informations- und genderpolitischen Themen auseinander (Hashtagjesus, 2019; Trophy, 2020). Ihre großformatigen Acryl-Gemälde zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen werden begleitet von Papier-Collagen, in denen tagespolitische Ereignisse karikiert werden (Bella Ciao, 2020).

Eine Ausstellung im thüringischen

28. 08. – 08.10.2021, Vernissage: Freitag, 27. August 2021, 19:30 Uhr

ANNELIESE DESCHAUER Galerie

Schlossplatz 1-2, 36419 Geisa

Öffnungszeiten: DI, DO und FR 11 – 16 Uhr + Sonn- und Feiertage 11 – 16 Uhr

036967-690 |   www.foerderverein-geisa.de

Trophy, Acryl auf Leinwand | Mixed Media, 2019/20. © Dikla Stern / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Veranstalter:
Stadt Geisa und Förderverein Kunst, Kultur und Wissenschaft Geisa e.V.;
Gefördert durch:
Stadt Geisa, WERNER DESCHAUER Stiftung, Kulturstiftung Freistaat Thüringen
DENK BUNT IM WARTBURGKREIS, Wartburg Sparkasse
Mit freundlicher Unterstützung von:
Anemone Vostell – BAM! Berlin Art Management
Julia Walter – Kunsthistorikerin und Übersetzungen, Karlsruhe

Adieu, Grandseigneur des Informel und des Tachismus

Georg Nothelfer auf der art Karlsruhe 2013. Foto: Von Harald Krichel – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25560747

Ich werde ihn vermissen, diesen Kunstbesessenen, Urgestein der Berliner Galerien-Szene, behäbiger Vertreter seiner Zunft auf den Messen der Kunstwelt! Galerist aus voller Überzeugung, im Glauben an das Verbindende wie gleichsam Verbindliche der Kunst. Er unterstützte seine Künstler und baute sie auf. Gestand aber ebenso ein, dass es Zeiten gab, in denen nicht er die Künstler versorgte, sondern sie ihren Galeristen „durchzogen“.

2021 hätte Georg das 50jährige Jubliläum seiner Galerie begehen können. Zusammen mit seinem langjährigen Team Irene Schumacher und Vera Ehe. Seine Frau Katharina war 2017 verstorben. Und noch letztes Jahr repräsentierte der 81jährige seine Künstler persönlich auf der Art Basel. Unermüdlich im Einsatz für die Bildende Kunst. Und immer noch streitbar in der Diskussion um Kulturpoltik und Kunstmarkt. Mit Argumenten aus seinem reichen Erfahrungsschatz und vielfältigen Aktionen für die Kunst.

Allen voran seine Pop-Up-Galerie – wie man heute sagen würde – zur documenta 6 (1977) mit Werken des Informel , die gleichzeitig als Künstler-SleepIn diente. Eigentlich mit drei Galeristenkollegen geplant, sollte ein leerstehendes Bürogebäude am Kasseler Hauptbahnhof zu einer Ausstellungsfläche umgestaltet werden. Doch die drei Mitstreiter sprangen im letzten Moment ab. Quasi über Nacht wurde das Büro umgebaut und hergerichtet, so dass noch während der Eröffnung die Wände weiß getüncht wurden. Nothelfer konnte so nicht nur dem kunstinteressierten Kasseler Publikum die Stars des Informel präsentieren, er wurde auch zum Helfer in der Not. Angereisten, die keine bezahlbare Unterkunft mehr fanden, bot er in den freigebliebenen Räumen des Büros eine günstige Schlafgelegenheit.

Eduard Chillida: Berlin, 1999-2000. Corten-Stahl, H 5,5 x B 4,25 x T 4,45 m
Foto: Andreas Thum / CC BY-SA

2001/2002 sorgt er dafür, dass die unsensibel vor dem neuen Kanzleramt aufgestellte viele Tonnen schwere Stahlskulptur „Berlin“ von Eduardo Chillida angemessen umgesetzt wird – und mittlerweile als Wahrzeichen für die politischen Berichterstattung aus der Hauptstadt gilt . Zwei scheinbar schwebende geschwungene Stahlelemente greifen hier ineinander. Wie Hände oder Finger berühren sie sich aber nicht. Trotz der großen Nähe besteht hier auch die Distanz. Jeder steht für sich alleine, sucht aber den Kontakt zum Anderen. Ein starkes Symbol der Wiedervereinigung – von Kunst und Politik.

Seine Überzeugung und Leidenschaft drückt der Publizist Georg Nothelfer in der mit seinem Freund Manfred de La Motte 1991 verfassten Anthologie über die abstrakte Kunst „L’art moral – Die Würde und der Mut“ aus. Das Buch stellt über neunzig internationale Künstler aus dem abstrakt-expressionistischen Bereich vor und verweist damit – heute wie damals (1991 als Reaktion auf die Ausstellung „Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert“ in der Stuttgarter Staatsgalerie verfasst, bei dessen großangelegtem Rückblick auf die deutsche Kunst, die Stilrichtungen Tachismus und Informel vollständig übergangen worden waren) – auf die eminente Bedeutung dieser Kunstrichtung hin.

Bei einem meiner letzten Besuche in der Galerie gab Georg es mir noch einmal an die Hand – als Studium der neueren deutschen Kunstgeschichte. Und als Erzählung seiner Lebensgeschichte- wie mir scheint: Mit Würde und Mut!

„Die Würde und der Mut – l’art moral“ Hrsg. Manfred de la Motte, 1991, Texte von Manfred de la Motte, Henri michaux, Julien Avard, Pierre Restany, René Déroudille, Michel Tapié, Otto van de Loo

http://www.galerie-nothelfer.de/publikationen6.html