Wolf Vostell – SUN IN YOUR HEAD

Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des Museo Vostell Malpartida vom 17. Okt. 2026 bis Mai 2027

Mit einem Videoprogramm mit Nevin Aladağ, Natalie Bookchin, Daniel Canogar, Nezaket Ekici, Eva & Franco Mattes, Bjørn Melhus, Rosa Menkman und Sabrina Ratté

Anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums präsentiert das Museo Vostell Malpartida (MVM) die Ausstellung Wolf Vostell: Sun in Your Head. Im Mittelpunkt stehen Vostells frühe Fernsehwerke, darunter 6 TV Dé-coll/age (1963), eine Leihgabe des Museo Reina Sofía, die Installation You (1964) und das Video Sun in Your Head (1963).

Ein Videoprogramm mit acht internationalen Beiträgen, von Nevin Aladağ bis Sabrina Ratté, überträgt Vostells Frage nach dem manipulierten Bild in den digitalen Bildstrom – vom PAL-Signal über Found Footage bis hin zu KI-generierten Bildern.

„Wir leben in einer Zeit, in der niemand mit Sicherheit sagen kann, ob ein Bild von einer Kamera aufgenommen oder von einer Maschine erzeugt wurde. Vostell hat diesen Zustand bereits 1963 vorausgesehen. Als er das Fernsehbild direkt vom Bildschirm filmte und es zerfallen ließ, war genau das sein Anliegen: zu zeigen, dass jedes Medienbild konstruiert ist.“


Levin Vostell, Kurator und künstlerischer Leiter des Museo Vostell Malpartida

Bereits Ende der 1950er Jahre, lange bevor das Medium Video existierte, machte Wolf Vostell das Live-Fernsehbild zum Material der Kunst. Das zugrunde liegende Prinzip hatte er 1954 entdeckt, als er in Le Figaro in einer Schlagzeile über einen Flugzeugabsturz auf das Wort „dé-coll/age“ stieß: abreißen, ablösen, verwischen.

Der Ursprung dieser Arbeit mit dem Fernsehbild liegt in der Extremadura. 1958 kam Vostell zum ersten Mal nach Cáceres, und im selben Jahr entstanden in Cáceres der Zyklus Transmigración (1958) sowie in Leverkusen die Installation Das schwarze Zimmer (1958/1959) – die ersten Werke in der Kunstgeschichte, in denen ein laufender Fernseher integriert wurde. In TV für Millionen (1959) griff Vostell dann erstmals direkt in das Fernsehbild ein: Die Live-Übertragung selbst wurde zum Material.

Die erste Videoinstallation 6-TV-Dé-coll/age von WOLF VOSTELL aus dem Jahr 1963 in einer Rekonstruktion von 1995 für das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid
Wolf Vostell, 6 TV Dé-coll/age, 1963, Rekonstruktion 1995. Environment: sechs Aktenschränke, sechs Fernsehgeräte, Telefon. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid

Parallel dazu wurde Vostell zum Begründer des Happenings in Europa. You, ein Happening, das er 1964 zunächst auf Long Island inszenierte, führte zur Entstehung der gleichnamigen Environment-Installation mit Krankenhausbetten und eingeschalteten Fernsehgeräten. Beide Werke werden in ihren Rekonstruktionen von 1995 in der Ausstellung gezeigt.

Das Environment YOU aus dem gleichnamigen Happening von 1964 in einer Rekonstruktion des Nachlass WOLF VOSTELL aus dem Jahr 1995
Wolf Vostell, „You“, 1964, Rekonstruktion 1995. Environment: drei Krankenhausbetten, drei Fernseher, Antennen. Der Nachlass von Wolf Vostell

1976 gründeten Mercedes und Wolf Vostell das Museo Vostell Malpartida (MVM) in dem historischen Komplex einer Wollwaschanlage aus dem 18. Jahrhundert – eines der ersten Museen für zeitgenössische Kunst in Spanien. Vostell konzipierte es als „Museo sin muros“, ein Museum ohne Mauern, in dem Kunst und Natur ein gemeinsames Format bilden. Sein Gründungswerk, VOAEX (1976), ein in Beton gegossenes Automobil, steht noch immer inmitten der Granitfelsen des Naturdenkmals Los Barruecos in der Nähe von Malpartida de Cáceres (Extremadura, Spanien).

Die Ereignis-Skulptur VOAEX - ein einbetonierter Opel Admiral inmitten des Naturdenkmals Los Barruecos in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien
Wolf Vostell: VOAEX – Viaje Hormigon en Alta Extremadura, 1975. Ereignisskulptur in Los Barruecos, Naturdenkmal bei Malpartida de Cáceres

„Mercedes und Wolf Vostell eröffneten dieses Museum 1976 in einer Wollwaschanlage in Los Barruecos, in einem Land, in dem es damals kaum Orte für zeitgenössische Kunst gab. Vostell nannte es ein Museum ohne Wände. Fünfzig Jahre später nehmen wir ihn beim Wort und stellen seine Fernseh- und Videoarbeiten neben Werke zeitgenössischer Künstler, die das Bild heute mit demselben Misstrauen betrachten, das Vostell einst hegte. Das Museo Vostell Malpartida bewahrt nicht nur das, was einmal war. Es zeigt, wie sich sein künstlerischer Ansatz, die Dé-coll/age, weiterentwickelt hat.“

Levin Vostell

02   DAS VIDEOPROGRAMM

Standbilder aus der Video-Choreographie MASS ORNAMENT von NATALIE BOOKCHIN aus dem Jahr 2009
Natalie Bookchin: Mass Ornament, 2009. Video-Choreographie aus Youtube-Videos zu einer Filmmusik. Video still

Acht internationale Positionen führen Vostells künstlerische Strategie der dé-coll/age fort: das Bild als Material, nicht als Botschaft, nun im digitalen Bildstrom. Die Werke laufen auf Bildschirmen, die auf Sockeln unterschiedlicher Höhe aufgestellt sind, angelehnt an die 6 TV Dé-coll/age. Was Vostell 1963 mit sechs Fernsehgeräten begann, setzt sich hier in acht Videoarbeiten fort, deren Bilder aus dem Internet, aus Überwachungssystemen und aus generativen Programmen stammen.

Standbild aus der Videoarbeit THE COLLAPSE OF PAL von ROSA MENKMAN aus dem Jahr 2010
Rosa Menkman: The Collapse of PAL, 2010. Standbild.

Drei Werke greifen direkt in das Signal ein. In The Collapse of PAL (2010) lässt Rosa Menkman Walter Benjamins Engel der Geschichte, das Ende des analogen PAL-Signals betrachten: Für tot erklärt, lebt es als Spur in den vermeintlich besseren digitalen Technologien weiter. In Transit (2011) verwandelt Sabrina Ratté eine beleuchtete Karte von Paris mittels Videofeedback in eine fließende elektronische Landschaft. Daniel Canogars generatives Werk Wayward (2022) bezieht sich explizit auf Vostell: Fünfzig Jahre nach Vostells „Verwischungen“, seinen unscharf gemachten Pressefotos, verarbeitet es die täglichen Nachrichtenbilder der Gegenwart, und da der Nachrichtenstrom niemals versiegt, bleibt das Werk unvollendet.

Drei weitere Künstler arbeiten mit dem gefundenen und dem generierten Bild. In Ich weiß nicht, wer das ist (1991) schneidet Bjørn Melhus Figuren aus den Tonspuren von Film und Fernsehen heraus, verkörpert sie selbst und verwandelt die Leinwand in einen Spiegel der Doppelgänger. In Mass Ornament (2009) fügt Natalie Bookchin Hunderte von online geteilten Videos von Menschen, die allein in ihren Zimmern tanzen, zu einem Medienornament zusammen. In Re: Re: Re: Net Art (2025) lassen Eva & Franco Mattes die Netzkunst der 1990er Jahre wiederaufleben, nun generiert durch eine künstliche Intelligenz: 64 maschinengenerierte Websites auf einem Computer, den sie selbst gebaut haben. Das gefundene Bild, mit dem Vostell arbeitete, kehrt hier als maschinell erzeugtes Bild zurück.

Zwei weitere Arbeiten bringen den Körper zurück ins Bild, so wie es Vostells Happenings taten. In Transmission (2020) baut Nezaket Ekici aus schwarzen Skulpturen einen begehbaren QR-Code; wer ihn scannt, wird aus dem Raum zurück ins Netz geschickt. In Raise the Roof (2007) lässt Nevin Aladağ vier Tänzerinnen mit ihren Stöckelschuhen auf einem geteerten Dach an der ehemaligen Berliner Grenze, einst Patrouillenroute der DDR-Grenztruppen, tanzen; der verstärkte Klang ihrer Schritte verwandelt isolierte Bewegungen in eine gemeinsame Form des Widerstands.

„Alle acht Künstler des erweiterten Videoprogramms übertragen Vostells künstlerisches Prinzip, er dé-coll/age, in die Gegenwart. Sie nehmen das Bild, das ihnen die Technologie ihrer Zeit liefert, und greifen gestalterisch in dieses ein. Für Vostell war es das Fernsehbild; hier sind es das PAL-Signal, die Webcam, der Algorithmus.“

Anemone Vostell, Kuratorin des Videoprogramms

Mehr als sechzig Jahre nach Sun in Your Head, in einem Zeitalter synthetischer und algorithmisch generierter Bilder, rückt die Ausstellung Vostells Frage wieder in den Mittelpunkt: Wer erstellt das Bild, das wir für die Realität halten?

Die Ausstellung wurde kuratiert von Levin Vostell · Das erweiterte Videoprogramm wurde kuratiert von Anemone Vostell · Eine Koproduktion mit dem Goethe-Institut Madrid  ·  Malpartida de Cáceres, Oktober 2026

Bjørn Melhus: Ich weiß nicht wer das ist, 1991. Video-Standbild.

Gegossen in Berlin und Brandenburg

300 Jahre Kunstguss zwischen Lauchhammer und Spreebord

Von der brandenburgischen Gründungssensation über Berlins bedeutende Gießereien bis zu einem digitalen Archiv, das Skulptur neu sichtbar macht: eine Spurensuche.

Der Bronzeguss ist ein Verfahren, das sich seit dreitausend Jahren kaum verändert hat. Ton, Wachs, flüssiges Metall, fertige Form. Die Schritte sind dieselben geblieben, auch wenn die Werkzeuge moderner geworden sind. In Berlin und Brandenburg ist diese alte Technik ungewöhnlich tief verwurzelt.

1784: Das Wunder von Lauchhammer

Im Süden Brandenburgs, in einer moorigen Niederung zwischen Spreewald und Lausitz, ereignete sich 1784 etwas, das Zeitgenossen als kunsttechnische Sensation feierten. In der Eisengießerei Lauchhammer gelang zum ersten Mal in der Weltgeschichte der Figurenguss einer lebensgroßen Hohlfigur aus Gusseisen, in einem einzigen Stück! Die Zeitgenoss:innen nannten das abgelegene Lauchhammer fortan einen „kunsttechnischen Wallfahrtsort“.

Den Grundstein hatte sechzig Jahre zuvor eine Frau gelegt. 1725 ließ die Unternehmerin Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal einen Holzkohle-Hochofen errichten, den „Lauch-Hammer“. Den entscheidenden Impuls zur Kunst setzte ab 1776 ihr Nachfolger Detlev Carl Graf von Einsiedel, der die Bildhauer Thaddäus Ignatius Wiskotschil aus Böhmen und Joseph Mattersberger aus Osttirol holte, um das völlig neue Verfahren des Hohlgusses zu entwickeln.

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Anna Franziska Schwarzbach: Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal, 2025. Eisenguss vor dem Kunstgussmuseum Lauchhammer. Foto. Anemone Vostell.

In Lauchhammer verdichtete sich die Verbindung von Handwerk und Kunstgeschichte. Schinkel entwarf gusseiserne Möbel und Gebrauchsgegenstände, die dort gefertigt wurden. Christian Daniel Rauch lieferte Modelle für Bronzestatuen im Posener Dom; ein Auftrag, der der Gießerei eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1855 eintrug. Das Luther-Denkmal in Worms, der gusseiserne Nil-Pavillon von Gezira zur Eröffnung des Suezkanals: Die Erzeugnisse der brandenburgischen Gießerei standen bald auf allen Kontinenten.

Das Kunstgussmuseum Lauchhammer bewahrt diesen Schatz: einen historischen Modellfundus von über 2.800 Objekten; einmalig in der Welt. 2025 wurde das 300-jährige Jubiläum mit der Enthüllung einer Statue der Gründerin Freifrau von Löwendal, geschaffen von der Berliner Künstlerin Anna Franziska Schwarzbach, gegossen vom Traditionsunternehmen der Gießerei Lauchhammer, gefeiert (ein Eisenguss der Büste wurde bereits 2022 auch in der Galerie der Gießerei Altglienicke, einem Sculpture-Network-Mitglied, ausgestellt). Die Gießerei Lauchhammer musste 2024 Insolvenz anmelden; ein Zeichen dafür, dass das kulturelle Erbe allein keine Gießerei am Leben hält! Dennoch als älteste Kunstgießerei Deutschlands arbeitet sie weiter.

Die Linie von Lauchhammer nach Berlin: Das Haus Noack

Es ist kein Zufall, dass der Gründer der bedeutendsten Berliner Kunstgießerei aus der Lausitz stammte und sein Handwerk in Lauchhammer erlernte. Hermann Noack I., 1867 in der Oberlausitz geboren, eröffnete 1897 – unterstützt durch die Berliner Bildhauer August Gaul und Fritz Klimsch – in einem Kellergeschoss in Berlin-Wilmersdorf seine eigene Gießerei. Zuvor hatte er an der Montage des Nationaldenkmals Kaiser Wilhelms I. von Reinhold Begas mitgewirkt. Die Mitarbeiter fielen während des Gusses gelegentlich in Ohnmacht. Es war ein ungemütlicher Beginn für ein Unternehmen, das ein Jahrhundert später zu den fünf führenden Kunstgießereien der Welt zählen würde.

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Hermann Noack III. mit Reclining Figure von Henry Moore. Foto: Bildgießerei Hermann Noack

Die Bildgießerei wurde zur ersten Adresse des deutschen Bronzegusses und ist bis heute ein Familienunternehmen in vierter Generation: Hermann Noack I. (1867 – 1941), II. (1895 – 1958), III. (1931 – 2026) und IV. (geb. 1966). Besondere Bedeutung kommt Hermann Noack III. zu, der das Unternehmen bereits mit 27 Jahren von seinem Vater übernahm und ab 1958 eine enge, jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Henry Moore begann; eine der fruchtbarsten Künstler-Gießerei-Beziehungen des 20. Jahrhunderts. Den Auftakt bildete der Guss der Draped Reclining Woman; es folgten zahlreiche Großwerke, darunter die monumentale Reclining Figure für das Lincoln Center in New York (1965), wie auf einem Gruppenbild im Henry-Moore-Archiv festgehalten ist.

Zum 70-jährigen Jubiläum der Gießerei 1967 schrieb Moore persönlich das Vorwort der Festschrift; ein ungewöhnlicher Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. Und Kunstkritiker Heinz Ohff kommentierte darin treffend: „Zwischen dem Entwurf des Künstlers in Wachs oder Gips und der endgültigen Ausführung liegt ein handwerklicher Prozess, der seine eigene Fertigkeit verlangt und seine eigene Tradition hat, die bis ins zweite Jahrtausend v. Chr. zurückreicht.“

Noack prägte die Bronze im Berliner Stadtbild in besonderer Weise: die Neuherstellung der Quadriga von Schadow, der Guss der Berliner Bären nach Renée Sintenis – deren Werke die Gießerei bereits ab 1913 ausführte –, die Restaurierung der Viktoria auf der Siegessäule. Auch während der Teilung Berlins blieb die Gießerei in West-Berlin für internationale Künstler aktiv und hielt die Verbindung zur globalen Kunstwelt. 2009 zog sie dann in einen modernen Neubau am Spreebord in Charlottenburg.

Ernst Barlach und die Bildgießerei Noack: Wenn Bronze überlebt, was eingeschmolzen wurde

Zwischen der Berliner Bildhauertradition und der Bildgießerei Noack gibt es eine Beziehung, die zugleich die schönste und die erschütterndste Geschichte des deutschen Kunstgusses im 20. Jahrhundert erzählt, in deren Mittelpunkt der Bildhauer Ernst Barlach steht.

Barlach lebte ab 1910 überwiegend zurückgezogen, fern vom Berliner Kunstbetrieb. Er war vor allem Holzbildhauer, aber für das Bleibende verlangte er nach Bronze. Genau dafür fand er in der Bildgießerei Noack den idealen Partner. 1927 schuf er den Schwebenden: eine schwebende Bronzegestalt als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Die Gesichtszüge tragen unverkennbar die Züge seiner Freundin Käthe Kollwitz, die ihrerseits eng mit Noack verbunden war.

Noack Galerie: Ausstellungsansicht „Ernst Barlach zum 150. Geburtstag“, 2022. Foto: Roman März
Noack Galerie: Ausstellungsansicht „Ernst Barlach zum 150. Geburtstag“, 2022. Foto: Roman März

1937 entfernten die Nationalsozialisten den Schwebenden als „entartete Kunst“. 1941 wurde er eingeschmolzen, als Material für Munition. Nur weil Freunde das Werkmodell gerettet und einen Zweitguss hatten herstellen lassen, existiert das Werk überhaupt noch; es war wiederum Noack, der nach dem Krieg die Teile restaurierte. Dass das Werk überlebte, verdankt es allein der Existenz eines zweiten Gusses. Kein anderes Kapitel der Gussgeschichte macht den politischen Charakter des Materials so eindringlich sichtbar: Bronze ist dauerhaft, aber sie ist nicht unzerstörbar. Es ist ihre Duplizierbarkeit, die zur Technik des kulturellen Widerstands wurde.

Bildhauerei in Berlin: Das digitale Gedächtnis der Stadt

Wer wissen will, welche Skulptur wann wo in Berlin stand oder steht, stößt früher oder später auf bildhauerei-in-berlin.de: eine Datenbank, die Denkmäler und Kunstwerke im öffentlichen Raum der ehemals geteilten Stadt systematisch erfasst. Hinter dem Projekt steht Prof. Dr. Susanne Kähler, Professorin für Museologie an der HTW Berlin. Von 2007 bis 2014 leitete sie das Kunstgussmuseum Lauchhammer, ehe sie Professorin an der HTW Berlin wurde. 2018 übernahm sie das Projekt Bildhauerei in Berlin an der Hochschule. Die Plattform steht für ein differenzierteres Bild der DDR-Plastik: Bildhauer:innen wie Sabina Grzimek, Wieland Förster oder Wilfried Fitzenreiter haben Werke von hoher Qualität geschaffen, die eine sorgfältige Betrachtung verdienen. Bildhauerei-in-berlin.de ist mehr als ein Archiv; es zeigt auf, dass Skulptur im öffentlichen Raum kollektives Gedächtnis ist.

Bodytalk 2026: Berlin als Ort der Figur

Im Oktober 2026 bringt das Internationale Forum Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur die internationale Skulpturszene nach Berlin. Das von Sculpture Network ausgerichtete Forum ist ein fester Termin im Kalender der europäischen Kunstwelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die menschliche Figur in der westlichen Kunst weitgehend aufgehört zu existieren. Von den totalitären Regimes für Propaganda instrumentalisiert, war sie zum Tabu geworden. Seit den 1980er Jahren kehrt die Figur zurück, aber in neuer Form: nicht als Idealkörper oder heroisches Denkmal, sondern als Trägerin existenzieller Fragen. Prof. Dr. Susanne Kähler spricht auf dem Forum über Body language in public sculpture of (the two) Berlin(s) and their development from the 1980s on. Damit schließt sie den Bogen, der die Bildhauerei der geteilten Stadt in ihren Gegensätzen und Parallelen begreifbar macht und unmittelbar an ihre Arbeit für bildhauerei-in-berlin.de anknüpft.

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Die Stehende und liegende Gruppe 1987 in der Ausstellung „Kunst in Berlin 1648 – 1987“ vor dem Alten Museum. Foto: P. H. Feist, 1988 (korr. 1987), CC-BY-SA-4.0-int., HU Berlin IKB, Slg. Feist, 165.18

Zum Abschluss der dreitägigen Konferenz lädt die Bildgießerei Noack die internationalen Gäste des Forums zu einer Führung durch das traditionsreiche Haus am Spreebord ein: durch Gießraum, Ziselierwerkstatt und die zeitgenössische Galerie. Besonders reizvoll ist der Einblick in das im Gebäudekomplex der Gießerei befindliche Atelier der russischen Bildhauerin Anna Bogouchevskaia, einer international ausgewiesenen Künstlerin an der Schnittstelle von Figuration und Abstraktion. Ein lebendiges Zeugnis dafür, dass hier Handwerk und freies Schaffen seit jeher miteinander existieren. Den Abend beschließt ein festliches Dinner in der der Gießerei angeschlossenen Bar Brasse, einem französischen Restaurant mit offenem Kamin, das den idealen Rahmen für Gespräche bietet, die über die Konferenz hinausgehen.

Nachlese: Was die Bronze (ver)spricht

Die Geschichte des Kunstgusses in Berlin und Brandenburg ist keine Geschichte des Bewahrens um des Bewahrens willen. Sie ist eine Geschichte der Verwandlung. Das Eisen der Niederlausitz wurde zur Sensation von Lauchhammer; das Handwerk der Lausitz wanderte mit Hermann Noack nach Berlin; die Bronze bewahrte Barlachs Werk vor der Vernichtung; das digitale Archiv macht sichtbar, was im Stadtraum längst unsichtbar geworden war.

Und vom 29. bis 31. Oktober 2026 werden Menschen aus ganz Europa nach Berlin kommen, um über die menschliche Figur zu sprechen. Über das, was stille Gesten ausdrücken können. Über das, was Bronze hält, wenn alles andere zerbricht.

Anna Franziska Schwarzbach: Jubiläumsplakette – 300 Jahre Eisenwerk, 2025. Foto: Anemone Vostell
Anna Franziska Schwarzbach: Jubiläumsplakette – 300 Jahre Eisenwerk, 2025. Foto: Anemone Vostell

Brancusi in Berlin

Ein Sculpture Network Dialog mit Katharina-Maria Raab

Um mehr über die Formensprache von Brancusi zu erfahren und weitere Highlights der Skulpturensammlung der Neuen Nationalgalerie zu entdecken, organisierte ich einen dialogischen Rundgang mit der versierten Kunsthistorikerin und Galeristin Katharina-Maria Raab.

Die Referentin der Akademievortragsreihe Skulptur der Moderne führte unsere ausgewählte Gruppe von 20 Personen – überwiegend Sculpture Network-Mitglieder, die u. a. aus Hannover bzw. München angereist waren – durch die Sonderausstellung der Neuen Nationalgalerie Berlin.

Beeindruckend sind vor allem die Frauenporträts, darunter Eine Muse (Gips auf Sockel aus Kalkstein und Pappelholz, nach 1917) vor dem Ölgemälde Frauenprofil mit Dutt, geneigtes Gesicht, vor 1924, das die Vielfältigkeit des künstlerischen Schaffens von Brancusi und seiner Materialien zeigt.

Und wie von selbst stellt sich die Frage: Ist der Sockel überhaupt ein Sockel, oder ist er Teil der Skulptur? 

Betrachtet man Letzteres, wird klar, dass auch Brancusi, der von Rodin – sehr schön am Beispiel der Bürger von Calais zu sehen – entwickelten Methode folgt, die Skulptur auf Augenhöhe des Betrachters zu bringen. Steht man vor dem Portrait Nancy Cunard (Kluge Junge Dame) von 1926, wird augenscheinlich, dass die Büste in den Körper des Sockels übergeht. Man sieht förmlich die schlanke Figur und die langen dünnen Beine der jungen Frau.

Und dennoch, bei aller Reduktion der Form, kann man bei Brancusi nicht von Abstraktion sprechen, es ist eher ein Abstrahieren des Figürlichen, denn seine Skulpturen bleiben weiterhin gegenständlich, erklärt uns die Kunsthistorikerin.

Auch wenn Brancusi eine herausragende Künstlerpersönlichkeit darstellt, so ist er doch nicht isoliert. Einflüsse seiner Zeit, seien es die damalige Aktualität der Esoterik oder auch der Alchemie, für die er sich interessierte, sieht man seinen Werken an. Mitunter zitiert er sie humorvoll, wie man an dem selbstgebauten Lautsprecher in seinem Atelier vermuten kann: Ist das nicht ein Verweis auf die erste öffentliche Ausstellung der Suprematisten in Moskau, auf das Werk „Schwarzes Quadrat“ von Kasimir Malewitsch, oben in der Ecke präsentiert? Fotografien des Künstlers zeigen, wie er die Inszenierung seiner Skulpturen im Atelier mit schwarzen und roten Farbflächen unterstreicht.

Die Berliner Ausstellung markiert das 150. Geburtsjahr des Künstlers, das auch in Rumänien groß gefeiert wird. So veranstaltet die Inter-Art-Stiftung Aiud die erste Ausgabe der CONSTANTIN BRANCUSI Skulpturentriennale, zu der 28 ausgewählte Künstler:innen aus 25 Ländern eingeladen wurden. Darunter auch Mitglied Vera Staub, die in Nachbarschaft zu einigen monumentalen Werken Brancusis aus der Sammlung des Muzeul National Constantin Brancusi in Târgu Jiu, Gorj, Rumänien, ihre Sandsteinfigur Ma Petite von 2008 zeigen wird. Wie die Veranstalter mitteilen, werden die Details zur Triennale, die vom 16. Mai bis 16. Juni 2026 stattfindet, in Kürze veröffentlicht.

Wer nicht bis dahin warten will, dem sei die Akademievortragsreihe Skulpturen der Moderne zur Sonderausstellung „Brancusi“ mit vier Terminen im Mai (6. – 27.Mai 2026) im Vortragssaal Kulturforum empfohlen, in denen Referentin Katharina Maria Raab zeigt, wie Brancusis Skulpturen durch reduzierte Linienführung, präzise ausbalancierte räumliche Dimensionen, Proportionen und den bewussten Einsatz von Raum, Material und Wahrnehmung neue Maßstäbe der Moderne setzten.

Wir haben an diesem Nachmittag einen Vorgeschmack darauf erhalten und sind begeistert!

Sculpture Network Dialogue: Bewahren und Erinnern

Figuren im Park + Tee mit trockenen Keksen

Was passiert mit Skulpturen, wenn niemand mehr hinschaut? Und wie schafft man Räume, in denen Kunst wirklich ankommt – nicht im Depot, sondern mitten im Leben?

Genau diesen Fragen bin ich als Sculpture Network Koordinatorin für Berlin/DE Nordost am 11. Juli 2025 in unserem Dialogue-Format nachgegangen. Unter dem Titel „Bewahren und Erinnern“ haben wir uns durch zwei sehr unterschiedliche, sehr besondere Orte im Westen Berlins bewegt.

Station 1: Figuren im Park – Kunst auf einem Klinikgelände

Den Auftakt machte der Skulpturenpark auf dem Gelände der DRK Kliniken Berlin Westend – eine Stiftung von Heidi & Dieter Brusberg, die dort still und stetig etwas Bemerkenswertes aufgebaut hat.

Dr. Eva Morawietz, Kuratorin und Vorsitzende der Stiftung, hat uns durch die Sammlung geführt – und ich muss sagen: engagierter und kurzweiliger geht es kaum. Sie erklärte, was die Stiftung antreibt: Skulpturen nicht wegzusperren, sondern sie dauerhaft in einem Ort des Alltags zu verankern, wo sie Menschen begegnen, die gar nicht gezielt ins Museum gegangen sind.

Werke von Leiko Ikemura, Dietrich Klinge und Alexander Polzin stehen da zwischen Wegen und Bäumen, herausfordernd und sinnstiftend zugleich. Kunst an einem Ort des Heilens – das hat eine Wirkung, die immer mehr diskutiert wird. Mittlerweile ist es nachgewiesen, dass Kunst gucken gesund ist.

Station 2: Georg-Kolbe-Museum – Tea and Dry Biscuits

Weiter ging es ins Georg-Kolbe-Museum, zur Jubiläumsausstellung „Tea and Dry Biscuits“. Der Titel klingt nach englischer Zurückhaltung – und genau das ist Programm.

Dr. Elisa Tamaschke, Kuratorin und Leiterin für Ausstellungen, Forschung und Publikationen, hat uns durch eine Schau geführt, die sich anlässlich des 75jährigen Bestehens des Museums dem Erinnern widmet – in all seinen Formen, privat wie öffentlich. Zeitgenössische Positionen von Heike Kabisch, Laure Prouvost und Marion Verboom nähern sich dem Thema jeweils ganz anders, und doch zieht sich ein gemeinsamer Faden durch: Wir inszenieren Erinnerung. Wir wählen etwas aus, das andere lassen wir fallen.

Mich hat beeindruckt, wie konsequent die Ausstellung das im durch ambivalenten historischen Kontext von Kolbes eigenem Werk verankert. Vergänglichkeit und Gedächtnis als kuratorisches Leitmotiv – das bestimmt die Semantik der Jubiläumsausstellung.

Ausklang im Garten von Georg Kolbe

Das Schöne am Dialogue-Format ist der Teil danach. Im Café Bejamine – bei schönem Wetter im Garten des ehemaligen Wohn- und Atelierhauses von Kolbe – haben wir uns zum Sculpture Network Showroom zusammengefunden.

Was da passiert, ist stets sehr bereichernd: gute Gespräche unter Gleichgesinnten. Über das Gesehene, über Bewahrung und Zugänglichkeit, über die eigene Praxis. Diese Gruppe von Künstler:innen, Kurator:innen und Skulptur-Lieberhaber:innen hat den Nachmittag mit echter Neugier und Energie mitgetragen – dafür bin ich dankbar.

Was bleibt

Zwei Orte, eine These: Es macht einen Unterschied wie und wer Kunst bewahrt.

Der stiftungsgetragene Klinikpark und die institutionelle Jubiläumsausstellung geben sehr verschiedene Antworten. Aber beide zeigen, dass Bewahrung kein passiver Akt ist. Es braucht Menschen, die sich kümmern, die vermitteln, die Türen aufhalten.

Zwei verschimmelte Organgen sind Gegenstand der ephimeren Installation von Alvaro Urbano mit dem Titel "Noches en los Jardines de Espana" aus dem Jahr 2020
Álvaro Urbano, Noches en los Jardines de España, 2020. Ausstellungssansicht Tea and Dry Biscuits. Eine Jubiläumsausstellung. Georg Kolbe Museum, 2025, Foto: Enric Duch

Ein großes Dankeschön an Dr. Eva Morawietz und Dr. Elisa Tamaschke für ihre Zeit, ihre Expertise und ihre Gastfreundschaft.

Von der ARCOmadrid in das Herz der Extremadura

Eine Sculpture Network-Kunstreise (Experience) in den Frühling

Das Foto zeigt die in das Naturdenkmal "Los Barruecos" integrierte Skulptur "VOAEX" 1976 von Wolf Vostell. Photo A. Mendez.
Wolf Vostell: VOAEX (Viaje [H]Ormigon en Alta Extremadura), 1976. Photo: Armando Mendez.

Dunkel ist es im nordeuropäischen Winter, von November bis April kaum Licht. Und das unter widrigsten Umständen der Weltgeschichte: Klimawandel, Kriege und Chaoten bestimmen die Nachrichten.

Seit einigen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich als Koordinatorin für das europäische Sculpture Network und organisiere in Berlin und DE Nord-Ost Dialog-Veranstaltungen zu Themen der zeitgenössischen Skulptur. Als Kuratorin der Ausstellung BAR DELUXE des in Berlin lebenden Bildhauers und Konzeptkünstlers MK Kaehne im Museo Vostell Malpartida (MVM) entstand der Gedanke, der Sonne entgegen zu eilen und eine sogenannte Sculpture Network Experience nach Spanien zu organisieren.

Den Auftakt macht die internationale Kunstmessen ARCOmadrid. Eine der wichtigsten Messen für zeitgenössische Kunst, die spannende Impulse besonders aus dem lateinamerikanischen Raum nach Europa bringt. In diesem Jahr dreht sich alles um den Amazonas. Auf einem exklusiven Besuch der ARCOmadrid während des privaten Eröffnungstages erkunden wir auf einer geführten Tour die skulpturalen Highlights der Messe.

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Impression ARCOmadrid 2025 mit Werken von Ai Weiwei (Skulptur v. li.) und Miquel Barcelo (Malerei). Photo: Anemone Vostell
Impression ARCOmadrid 2025 mit Werken von Ai Weiwei (Skulptur v. li.) und Miquel Barcelo (Malerei).

Nach einem Networking Dinner mit weiteren Bildhauer*innen aus Madrid und Umgebung geht es am folgenden Tag per Bus weiter in die 3,5 Stunden entfernte mittelalterliche Stadt Cáceres in der Extremadura. Als UNESCO-Weltkulturerbestadt gehört sie zu den Orten mit dem drittgrößten monumentalen Ensemble Europas. Die besonders gut erhaltenen Straßen, Plätze, Paläste und Stadtmauern versetzen die Besucher*in in die Zeit des Mittelalters.

Auf der Plaza Mayor nehmen wir Tapas à la Extemeña: Migas – geröstete Brotkrumen mit Speck und andere Köstlichkeiten. Erhalten eine unterhaltsame Führung durch die beeindruckende Altstadt mit den schönsten Palästen und Kirchen. Am alten Kloster kaufen wir leckerste Mandelplätzchen: dazu klopft man an die Dreh-Durchreiche neben dem Eingang, erfragt die gewünschten Plätzchen und siehe da, die Drehscheibe bringt eine Schachtel zum Vorschein. Als Dank legt man eine Spende auf die Leerstelle und genießt die gesegnete Gabe.

Gruppenphoto auf der Plaza Mayor von Cáceres, im Hintergrund die mittelalterliche Altstadt.
Gruppenphoto auf der Plaza Mayor von Cáceres, im Hintergrund die mittelalterliche Altstadt.

In direktem Anschluss an die Altstadt liegt das Museo de Arte Contemporaneo Helga de Alvear mit einer außergewöhnlich zeitgenössischen Sammlung von mehr als 3.000 Werken führender internationaler Künstler*innen wie Louise Bourgeois, Jenny Holzer, Richard Long und Thomas Hirschhorn, um nur einige zu nennen. Das von dem preisgekrönten Architekten Emilio Tuñón entworfene Museum ist ein beeindruckendes Beispiel moderner Architektur und bietet einen faszinierenden Kontrast zur historischen Umgebung von Cáceres.

Über den Dächern der Stadt genießen wir eine spanische Cena und stromern noch durch die Gassen, bevor es am nächsten Morgen zu dem 10 km entfernten Museo Vostell Malpartida geht.

Das partizipative, der Fluxus- und Konzept-Kunst gewidmete Museum wurde 1976 von dem deutschen Maler, Bildhauer, Video-, Fluxus- und Happenig-Künstler Wolf Vostell gegründet. Inmitten einer außergewöhnlichen Landschaft plutonischen Magmagesteins, in den Gebäuden einer historischen Wollwasch-Anlage aus den Zeiten der Wanderschäferei (Trashumancia) untergebracht, verbindet es die Avantgarde-Kunst mit einem beeindruckenden Naturerlebnis.

Wir werden herzlich vom Museums-Direktor José Antonio Agundez empfangen. Kuratorin Josefa Cortés Morillo sowie Kunsttechniker Alberto Flores Galán führen uns beseelt durch die verschiedenen Sammlungen des Museums: Die Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit so ikonischen Werken wie „Autofieber“ von 1976 oder „Mythos Berlin„, 1987, eine 6 x 9 m große Malerei mit integrierten Objekten, wie Tiergerippe, Autotüren und Fernseh-Geräten.

Ansicht der Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit der Assemblage "Mythos Berlin", 1987
Geführte Tour durch die Sammlung Mercedes & Wolf Vostell mit der Assemblage „Mythos Berlin“, 1987

Über den Hof geht es hinein in eine der größten Fluxs-Sammlungen Europas, der „Donacion Gino Di Maggio“ mit Werken von Shigeko Kubota, Yoko Ono, Nam June Paik, Daniel Spoerri und George Maciunas, dem Begründer dieser internationalen Kunst-Bewegung nach dem zweiten Weltkrieg, u.a.m.

Anschließend sehen wir die von der Sammlung inspirierte Ausstellung „BAR DELUXE – Die Umkehrung des Readymade“ mit Skulpturen, Objekten und Fotoarbeiten des deutsch-russischen Konzeptkünstlers MK Kaehne. Beeinflusst vom russischen Konstruktivismus und dem Moskauer Konzeptualismus untersucht der Künstler die Spannung von Kunst und Funktionalität. Indem Kaehne Alltagsgegenstände in luxuriösem Design und voller Funktionalität neu interpretiert verwandelt er sie in industriell anmutende Kunstwerke, die sich dem praktischen Gebrauch entziehen und so Fragen zur Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft aufwerfen. Der Künstler führt persönlich durch die Ausstellung und erläutert seine künstlerische Strategie.

Nach einem Netzwerk-Mittagessen mit den Freunden des Museo Vostell Malpartida gehen einige Teilnehmer*innen trotz Regenschauern in die Los Barruecos, einem Naturdenkmal aus plutonischem Magmagestein, in das zwei Skulpturen von Wolf Vostell eingelassen sind: VOAEX (Beton-Reise durch die obere Extremadura): ein 1976 von Vostell in Beton gegossener Opel Admrial, und „El Muerto que tiene sed (Der Tote, der durstig ist)“ von 1978.

Anschließend gibt der künstlerische Leiter des Museums, Levin Vostell, mein Sohn und einziger Enkel von Mercedes & Wolf Vostell, eine Führung durch das Atelier und Wohnhaus der Familie, den Palacio de Topete. Ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, das vom Künstler 1977 restauriert wurde. Hier fand 1978 eine der ersten partizipativen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in der Extremadura statt, an der die einheimische Bevölkerung teil hatte. Das Dorf Malpartida de Cáceres wurde zur zweiten Heimat des Paars und symbolisiert ihre lebenslange Verbundenheit mit der Extremadura.

Der Palacio de Topete, Atelier und Wohnhaus von Wolf & Mercedes Vostell, in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien
Palacio de Topete, Atelier und Wohnhaus von Wolf & Mercedes Vostell, in Malpartida de Cáceres, Extremadura/Spanien

MK Kaehne – BAR DELUXE

The Reversal of the Readymade

29. November 2024 – 9. März 2025

MK Kaehne - Bar Deluxe, 2004. Polyester, Chrom, Leder, 87 x 270 x 250 cm (geöffnet)
MK Kaehne – Bar Deluxe, 2004. Polyester, Chrom, Leder, 87 x 270 x 250 cm (geöffnet)

Die Ausstellung BAR DELUXE des Konzeptkünstlers MK KAEHNE nimmt Bezug auf die Fluxus-Sammlung des Museo Vostell Malpartida – Donation Gino di Maggio und zeigt eine Auswahl von Skulpturen, Objekten und Fotografien aus seinem erweiterten Werkzyklus Bar.

Vor dem Hintergrund des russischen Konstruktivismus und des Moskauer Konzeptualismus hinterfragt KAEHNE die zeitgenössische Idee von Kunst.
Während Duchamp das Urinal zum Readymade erklärte und damit seine Funktion leugnete, betonten Fluxisten wie George Brecht in Werken wie Sink, das in der Sammlung des Museums gezeigt wird, die Absurdität des Alltäglichen.

George Brecht: Sink, 1962 - 1963. Donation Gino Di Maggio im Museo Vostell Malpartida
George Brecht: Sink, 1962 – 1963. Donation Gino Di Maggio

KAEHNE seinerseits bedient sich der Grammatik des Surrealismus, des Dadaismus und des Fluxus und verwandelt die hyperästhetische Funktionalität seiner Objekte und Skulpturen in Kunst.

Neben der Arbeit Bar Deluxe (2004) sind zentrale Werke wie Die Vorliebe der Bourgeoisie für den Surrealismus… (2011) bis hin zu brandneuen Arbeiten wie Partygirls und Stecker, beide aus diesem Jahr in der Ausstellung zu sehen. 

MK Kaehne: Partygirls, 2024. Fotoprint, Passepartout, gerahmt, Ed. 5, 45 x 58,5 cm.
MK Kaehne: Partygirls, 2024. Fotoprint, Passepartout, gerahmt, Ed. 5, 45 x 58,5 cm.

Vernissage unter Anwesenheit des Künstlers

29 November 2024 – 7.30 pm

Museo Vostell Malpartida
Carretetera de Los Barruecos s/n
10910 Malpartida de Cáceres
Extremadura/Spain

Aktuelle Infos finden Sie auf der Facebook-Seite

MK Kaehne – BAR DELUXE

sowie hier:

https://www.facebook.com/museovostellmalpartida

Sandstein voller Leben!

SteinBruchZeit & Skulpturensommer – ein Tagesausflug nach Pirna

Ursula Güttsches, Sanfte Verstörung, 2023, Reinhardtsdorfer Sandstein, 31 x 85 x 30 cm
Ursula Güttsches, Sanfte Verstörung, 2023, Reinhardtsdorfer Sandstein, 31 x 85 x 30 cm

Zur Finissage der Jubiläumsausstellung des Berliner Bildhauersymposions Stein Bruch Zeit mit Kunstgespräch und einem Besuch des alljährlichen Pirnaer Skulpturensommers führt meine Sculpture Network Dialogue-Veranstaltung nach Pirna und findet „Sandstein voller Leben“.

Begegnungen mit Prof. Helmut Heinze, Mentor des Pirnaer Skulpturensommers, Ko-Kuratorin Gisela Protze und später Kuratorin Christiane Stoebe, sowie der Organisatorin des Berliner Bildhauersymposiums, Margerite Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches und Robert Schmidt-Matt, beide langjährige Teilnehmende am Symposium, zeigen uns wie lebendig Skulptur sein kann.  

Julia Schleicher, Eugenia und Paradiesvögel, 2017, Aluminium. Fotos: Frank Höhler, Key Visual: Jens Dauterstedt,Collage: KTP
Julia Schleicher, Eugenia und Paradiesvögel, 2017, Aluminium. Fotos: Frank Höhler, Key Visual: Jens Dauterstedt,Collage: KTP

Jedes Jahr findet auf dem Sonnenstein, hoch oben über der Stadt Pirna, der Skulpturensommer statt. Unterhalb des Schlosses, in den Bastionen der ehemaligen Festungsanlage kuratiert die Bildhauerin und Kunstpädagogin Christiane Stoebe gemeinsam mit den Ko-Kuratorinnen Gisela Protze und Bettina Heymann wechselnde Themenausstellungen mit Figuren, Installationen und Interventionen. Die kolossale Verteidigungsarchitektur wird mit klassischer wie zeitgenössischer Skulptur konfrontiert, zu neuem Leben erweckt. Einem Leben, dass sich mit Haltung. Haltungen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart stellt.

Unter diesem Titel vereint der Pirnaer Skulpturensommer 2024 figürliche Arbeiten von Christa Biederbick (DE), Laura Eckert (DE), Jakub Goll (CZ), Hermann Grüneberg (DE), Elisabeth Howey (DE), Michal Hradil (CZ),  Aleš Hvízdal (CZ), Käthe Kollwitz (DE), Agnes Lammert (DE), Martin Malý (CZ), Dana Meyer (DE), Katja Neubert (DE), Sebastian Paul (DE), Tillmann Riemenschneider (DE), Julia Schleicher (DE), Siegfried Schreiber (DE), Petr Šťastný (CZ) wie auch Installationen und Interventionen von Valentin Hertweck (DE), Michal Hradil (CZ), Juliane Jaschnow (DE), Julio Meiron (BR/DE), Irene Pätzug (DE) und Adam Velíšek (CZ).

Li.: Siegfried Schreiber, Rosel II, um 1986, Bronze, 168 cm, Leihgabe Städtische Museen Zittau. Re.: Christa Bieberbick, Mädchen auf rotem Tuch, 1971-72, Polyester, eingefärbt, 167 x 104 x 63 cm, Leihgabe d. Künstlerin. Photo: Anemone Vostell

Das Zusammenspiel historischer wie klassischer Plastiken von Käthe Kollwitz (Pieta 1937-38), Siegfried Schreiber (u.a. Mädchentorso mit gesenktem Kopf, 1980) sowie einer Replik von Tilman Riemenschneiders Maria (Original aus der Renaissance) mit zeitgenössischer Skulptur von Christa Biederblick (Mädchen auf rotem Tuch, 1971-72), Agnes Lammert (Mud, 2016) oder Adam Velišek (Kinetic sculpture alley, 2019) überrascht; bricht die sowohl starre Umgebung als auch Erwartung auf.

Durch die sich öffnenden wie schließenden Räume gelangen die Besucher*innen tief hinein in das Gewölbe. Der Blick fällt hinab auf die Intervention von Irene Pätzug und Valentin Hertweck (Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024) die Christa Biederbicks Figur Soldat (1994-97) umspielt: ein durchsichtig rosafarbener Gaze-Vorhang streicht sanft über die auf einem Stuhl sitzende, erstarrte Figur eines Mannes in Militärmantel und -stiefeln, die Hände geballt aber kraftlos auf dem Schoß liegend.

Christa Biederbick, Soldat, 1994-97, Polyester, eingefärbt, 130 x 45 x 65 cm, Leihgabe Künstlerin + Irene Pätzug und Valentin Hertweck, Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024, Kinetische Installation, Motor, Aluminium, Tuch, 450 x 340 x 340 cm. Leihgabe Künstler*innen. Photo Anemone Vostell
Christa Biederbick, Soldat, 1994-97, Polyester, eingefärbt, 130 x 45 x 65 cm, Leihgabe Künstlerin + Irene Pätzug und Valentin Hertweck, Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024, Kinetische Installation, Motor, Aluminium, Tuch, 450 x 340 x 340 cm. Leihgabe Künstler*innen. Photo Anemone Vostell

Prof. Helmut Heinze (*1932), selbst Bildhauer und ehemals Professor für Plastik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden erinnert uns bereits vorab an die grausame Geschichte der unweit gelegenen Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein, in der in den Jahren 1940/41 unter den Nationalsozialisten nicht weniger als 13.720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie mehr als tausend Häftlinge aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Im Vorfeld der Dialogveranstaltung, während des EU-Wahlkampfs, erreichen mich sorgenvolle Rückfragen bis hin zu heftiger Kritik, dass ich im Zuge des allgemeinen Rechtsrucks vor allem auch in Sachsen, diesen Tagesausflug überhaupt anbiete. Meine Antwort darauf, dass gerade deshalb, der Dialog wichtig ist, bestätigt sich in vielerlei Hinsicht. Engagierte Menschen, Künstler*innen, Professor*innen und einfache Kunstliebhaber*innen stellen Projekte wie diese vor Ort auf die Beine, eröffnen ein Narrativ der Haltung und Haltungen. Stoßen das Gespräch an, geben der Geschichte die Möglichkeit erzählt zu werden, schaffen Verständigung mit dem Ergebnis des Erkennens.

Seit mehr als einer Dekade fährt Kuratorin Christiane Stoebe mit ihrem Wagen durch die Lande, besucht Ateliers, Museen und Sammlungen, um die Exponate zusammen zu stellen. In diesem Jahr belebt sie mit Werken tschechischer Künstler*innen die kulturellen Beziehungen zum Nachbarland. Hier fallen vor allem die Arbeiten von Petr Štastny (Weight, 2019) und Michal Hradil (Construction, 2016) auf.

Ausstellungsansichten mit Werken von: li. Siegfried Schreiber, Michal Hradil und Katja Neubert, re. Petr Štastny. Photos Anemone Vostell.

Kunstkritiker Marcel Fišer schreibt im Katalog zur Ausstellung: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die politische Situation völlig verändert, nachdem die Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben worden waren und auf den Trümmern von Hitlerdeutschland gleich drei Staaten entstanden waren. Man möchte meinen, dass der Kulturaustausch am stärksten mit dem Staat hätte sein sollen, der zum sozialistischen Lager gehörte, als mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Aber das Gegenteil ist wahr: es existierten zwar die verschiedensten „Freundschafts-Ausstellungen“ auf der Ebene der Regionen, doch irgendeine repräsentative Schau der zeitgenössischen ostdeutschen Kunst, die etwa der Ausstellung Kunst der Bundesrepublik Deutschland im Prager Mánes im Jahr 1967 entsprochen hätte, hat es in der Tschechoslowakei nie gegeben. Ebenso konnten wir im Jahr 1988 in der Nationalgalerie in Prag eine große Ausstellung von Otto Herbert Hajek sehen, der noch in Böhmen geboren wurde und in den Jahren 1972 bis 1979 erster Vorsitzender des Deutschen Künstlerbunds war, also der offiziellen Organisation der westdeutschen bildenden Künstler, während sein Landsmann aus dem nordböhmischen Chrastava (Kratzau) Willi Sitte, der in den Jahren 1974 bis 1988 Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR war, eine derartige Ausstellung niemals erlebte.(…) Dem Wesen der heutigen Situation, wo eindeutige Hierarchien und dominante Zentren verschwunden sind, entspricht jedoch eher die Metapher eines dichten Netzes von Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren des Kunstbetriebs auf den unterschiedlichsten Ebenen, in das sich auch die gegenwärtige Ausstellung einbringt.“[1]

Ko-Kuratroin Gisela Protze und Mentor Prof. Helmut Heinze führen in den Pirnaer Skulpturensommer ein. Photo Anemone Vostell.

Schnitt: Unter Sonnenschirmen sitzen wir auf der Terrasse der Schänke und lauschen den Ausführungen des 92jährigen Zeitzeugen Heinze, stellen Bezüge zu gesellschaftskritischen Strömungen der Kunstgeschichte wie der Fluxus- und Happening-Bewegung her, bevor wir ins StadtMuseum Pirna durch die Gassen dieser schönen Renaissance-Stadt laufen.

Anlässlich des 50jährigen Jubliäums des „Berliner Bildhauersymsposiums“ zeigt die Ausstellung Stein Bruch Zeit im StadtMuseum Pirna Arbeiten von Eva Backofen, Günter Blendinger, Marguerite Blume-Cárdenas, Inka Gierden, Karin Gralki, Ursula Güttsches, Sigrid Herdam, Ulrich Jörke, Liz Kratochwil, Karl Möpert, Emerita Pansowová, Robert Schmidt-Matt, Karin Tiefensee, Annette Tucholke-Bonnet und Berndt Wilde, die über die Jahre im Steinbruch Rheinhardtsdorf I geschaffen wurden. Sein feiner und gleichsam fester Elbsandstein zog Anfang der 1970er Jahre den Berliner Bildhauer Karl Möpert an, der 1974 das erste Berliner Bildhauersymposium im Steinbruch Reinhardtsdorf, initiierte.

Kunstgespräch mit v.l.n.r. Margueritte Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches, Detlef Schweiger, Robert Schmidt-Matt. Photo Anemone Vostell.
Kunstgespräch mit v.l.n.r. Marguerite Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches, Detlef Schweiger, Robert Schmidt-Matt. Photo Anemone Vostell.

In dem von Detlef Schweiger moderierten Kunstgespräch reflektieren Bildhauerin und Organisatorin Marguerite Blume-Cárdenas (Berlin), Bildhauerin Ursula Güttsches (Dresden) sowie Robert Schmidt-Matt (Berlin) über die Entwicklung und Perspektiven des mittlerweile privatwirtschaftlichen Symposiums.

Ursprünglicher Schirmherr des „Berliner Bildhauersymposiums“ war damals der Verband Bildender Künstler der DDR mit Sitz in Berlin. An jedem Symposium nahmen sieben bis zehn Bildhauerinnen und Bildhauer aus Berlin und den Bezirken der DDR teil. Außerdem wurden Gäste aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine, Finnland und Österreich eingeladen. Der Kulturfond der DDR förderte das Symposium mit Stipendien, Kosten für Unterkunft, Steinmaterial, Werkzeugen und Transporten. Der VEB Elbenaturstein Dresden wurde Partner. Den Teilnehmenden standen jeweils 1/3 qm Stein zur Verfügung. Alle konnten frei ohne Vorgabe eines Themas arbeiten. Die fertigen Skulpturen blieben Eigentum der Künstlerinnen und Künstler. Einige davon befinden sich heute in Museen.

Steinbruch Reinhardtsdorf I, 1984 mit den Bildhauerinnen Eva Backofen, Liz Mields-Katochwil, Inge Hunzinger, Emerita Pansowová, Marguerite Blume-Cárdenas, Steinbrechern und Meister Martin Mathies© Ausst.-Kat. Stein Bruch Zeit 2024
Steinbruch Reinhardtsdorf I, 1984 mit den Bildhauerinnen Eva Backofen, Liz Mields-Kratochwil, Inge Hunzinger, Emerita Pansowová, Marguerite Blume-Cárdenas, Steinbrechern und Meister Martin Mathies© Ausst.-Kat. Stein Bruch Zeit 2024

Ab 1991 wurde das Symposium vier Wochen im Juni unter eigener Finanzierung mit Unterstützung der Sächsische Sandsteinwerke GmbH weitergeführt. Als der Bildhauer Karl Möpert im Jahr 2010 aus gesundheitlichen Gründen ausschied, übernahm die Bildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas, die seit Beginn des Symposiums aktiv mitgearbeitet hat, die Organisation bis heute. Während der übrigen Sommermonate konnten der Neue Sächsische Kunstverein, Studierende der Hochschule für Bildende Künste Dresden, der Kunsthochschulen Berlin-Weißensee und der Burg Giebichenstein Halle die im Steinbruch geschaffenen Arbeitsbedingungen auch für ihre Symposien und Studienaufenthalte nutzen.

So war auch die in Bonn geborene Bildhauerin Ursula Güttsches als Studierende der Klasse Heinze in den Steinbruch gekommen, hatte sich am Elbsandstein ausprobieren können und ist drangeblieben. Der Stein fordert das gemeinsame Anpacken, besonders wo es jetzt keine industriellen Brechwerkzeuge mehr gibt. Ingenieurswissen, wie das von Robert Schmidt-Matt, an welcher Stelle die einzelnen Keile gesetzt und dann der Reihe nach eingeschlagen werden, um den Block zu brechen, wird geteilt.

Li.: Marguerite Blume- Cardenas, Auftakt, 2017, Reinhardtsdorfer Sandstein, 60 × 22 × 20 cm, re.: Karl G. Möpert, Natursteine, 1997, Reinhardtsdorfer Sandstein, 45 × 30 × 15 cm

Später organisierten Berliner und Dresdner Bildhauerinnen gemeinsam mit dem Caritasverband für Dresden e.V. und der Gemeinde Reinhardtsdorf internationale Jugend- und generationsübergreifende Bürgerprojekte. Ein Skulpturenwanderweg verbindet heute Steinskulpturen in der Landschaft in und um Reinhardtsdorf, die während der internationalen Bildhauersymposien und anderer Projekte im Steinbruch entstanden sind.

Steinbruch Reinhardtsdorf. Photo Privatarchiv.
Steinbruch Reinhardtsdorf. Photo Privatarchiv.

Der Austragungsort des Symposiums hat sich bis heute nicht geändert, man arbeitet weiter im Steinbruch – allerdings war Reinhardtsdorf I nur bis Ende der 1990er-Jahre in Betrieb, langsam abgelöst durch den benachbarten Sandsteinbruch Reinhardtsdorf II, zwischen Krippen und Reinhardtsdorf gelegen. Das Symposium findet weiter auf dem Gelände des inzwischen teilweise rückverfüllten Steinbruchs Reinhardtsdorf I statt, allerdings ohne Strom und Wasser. Und mit Öffnung von Reinhardtsdorf II war auch der von beiden Seiten geschätzte direkte, ständige Kontakt zwischen Steinbrechern und Künstler*innen, zwischen Steinabbau und Kunstmachen, gekappt.[2]

Eine öffentliche Ausschreibung des Symposiums wird nicht angestrebt, hielte zu sehr von der künstlerischen Arbeit ab. Es gibt keine Website, keine Social Media, auch kein Archiv. Aber eine sehr schöne Begleit-Publikation zur Ausstellung. [3]

Man kennt sich untereinander und sei offen für informelle Bewerbungen: bei Interesse bitte bei Marguerite Blume-Cárdenas oder den anderen Teilnehmer*innen melden!


[1] Marcel Fišer: Zur Einführung in die Ausstellung, in: Pirnaer Skulpturensommer, KTP Pirna 2024

[2] Quelle: Dr. Teresa Ende, Eröffnungsrede „SteinBruchZeit“, Pirna 2024.

[3] Stein Bruch Zeit – 50 Jahre Berliner Bildhauersymposium im Steinbruch Reinhardtsdorf, Hrsg: Marguerite Blume-Cárdenas in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Pirna, 2024. Zu bestellen per Mailanfrage an für 8,- Euro inkl. Versand; oder bis Jahresende 2024 im Stadtmuseum Pirna vor Ort für 6,- Euro erwerbbar.

Art moves – art connects

Sculptura #2 festival in Brussels

Pavlina Kvitas riesige Skulptur Guardian von 2023 im historischen Gare Maritim in Brüssel zum belgischen Skulpturen-Festival Sculptura #2 vom 19. Januar bis 10 März 2024
Pavlína Kvita (*1988): Guardian, 2023. Glasfaserbeton, 250 x 210 x 180 cm. Foto Willi Reiche.

Zum zweiten Mal findet in Brüssel das Sculptura Festival statt. 2024 wurde Sculptura #2 erweitert und bezieht den öffentlichen Raum mit ein. Die Ausstellung im historischen Gare Maritime wird um einen Skulpturenpark auf dem Gelände von Tour & Taxis sowie von Ausstellungen an verschiedenen Orten in der europäischen Hauptstadt ergänzt.

Sculptura ist eine europäische Geschichte, an der 40 Künstler*innen aus allen Teilen Europas teilnehmen. In Zusammenarbeit dem führenden europäischen Netzwerk für dreidimensionale Kunst sculpture-network.org hatte ich neben meinen Kolleg*innen Anne Berk, Marina Bauer (HRV) und Hilde van Cannyet (BE) die Gelegenheit, zwei Bildhauer*innen aus dem Baltikum für die Ausstellung zu kuratieren:

Sigita Dackevičiũtė (*1959) aus Litauen mit der Installation Nature/Civilisation II aus dem Jahr 2021. Dackevičiūtė studierte Kunst in Vilnius und Kaunas, und unterrichtet Bildhauerei, Komposition und Zeichnung am Kunstgymnasium Kaunas seit 1983.

Die mehrteilige Installation Nature/Civilisation II von Sigita Dackevičiūtė auf dem Festival Sculptura #2 in Brüssel 2024.
Sigita Dackevičiūtė: Nature/Civilisation II, 2021 , © Sculptura#2 (in front)

Ihr Werk umfasst Installationen, Skulpturen und digitale Kunst. Es ist eine Kombination aus abstrakten Formen, geometrischen Mustern, organischen Elementen und leuchtenden Farben. Sie experimentiert oft mit verschiedenen Techniken und Materialien, was ihren Arbeiten eine dynamische und ausdrucksstarke Erscheinung verleiht.

Ihre Installationen mäandern entlang ökologischer Themen und der Überschneidungen von Natur und Technik. Andere Themen, die Dackevičiūtė in ihrem Werk erforscht, sind die Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie die Suche nach Identität und Selbsterkenntnis. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf Prozesse wie ‚jemand anderes zu werden“, oder „in den Schuhen eines anderen zu stehen“, als auch auf das Infragestellen gewohnter Hierarchien.

Die inhaltliche Spannung verstärkt sie durch Konfrontation und Kontrastierung von Formen, Materialien und Rhythmen. Unterschiedliche Formen und Rhythmen interagieren unterschiedlich mit visuellen Eindrücken: Sie verstärken oder schwächen sich gegenseitig und schaffen zusätzliche, widersprüchliche Schichten von Bedeutung.
Ihre Arbeiten geben keine Antworten, sie versuchen lediglich, die Komplexität die komplexe Beziehung des modernen Menschen zur Natur und Gesellschaft aufzuzeigen.

Des weiteren Mari Männa (* 1991), eine estnische Künstlerin, die bekannt für ihre Skulpturen und Installationen ist. Sie studierte an der Estnischen Kunstakademie, an der Gerrit-Rietveld-Akademie in Amsterdam und an der Aalto-Universität in Helsinki.

Die estnische Künstlerin Mari Männer in ihrer Skulpturengruppe "Remnants" von 2021.
Maria Männa: Remnants, 2021

Maris Arbeit ist inspiriert von der Natur und alter Architektur. Ihre Skulpturen sind oft abstrakt und minimalistisch und zeigen einen Sinn für Bewegung und Dynamik. Ihre bildhauerische Praxis wird von dem Drang angetrieben, Materialien zu erforschen und als ein tägliches Ritual greifbare Formen zu schaffen. Indem sie sich auf Versuch und Irrtum einlässt, hält sie den dynamischen Fortschritt in ihrer Praxis aufrecht. Gleichsam sind ihre Installatione großformatig und imposant und zeigen die Schönheit der Natur und der menschlichen Interaktion mit der Umwelt.

Die Installationen von Männa laden dazu ein, Ruinen zu entdecken: Reste von antiker Säulen und Reliefs. Ihre Werke scheinen einer archäologischen Stätte zu entstammen, wo man sie aus verschiedenen Perspektiven erkunden kann.

Für sie funktioniert Humor als ein wesentlicher Bewältigungsmechanismus, der es ermöglich, gesellschaftlich unerwünschte Impulse umzulenken. Ihre Kunstwerke verweben persönliche Geschichten mit größeren politischen Geschichten.

Acht Wochen lang (19.01.- 10.03.2024) läuft das Festival unter dem Motto „Art Moves, Art Connects“ (Kunst bewegt, Kunst verbindet), bei dem es um die Entdeckung von Skulpturen aus verschiedenen Kunstrichtungen geht, von monumentalen bis hin zu kleineren Werken. Ziel dieser Begegnung ist es, das Publikum zu ermutigen, sich mit dem Genre der Skulptur zu beschäftigen und sich bewusst damit auseinanderzusetzen, woran man in der Stadt eher vorbeigeht. So wird es in Brüssel selbst mehrere Skulpturen zu entdecken geben, unter anderem im Pixel Museum, im MigrationMuseumMigration in Molenbeek und im Hotel The Dominican.

Unter dem Label des belgischen Vorsitzes des Rates der Europäischen Union im ersten Halbjahr 2024 wurde Sculptura als offizielle kulturelle Aktivität anerkannt. Darüber hinaus wird das Festival eine zusätzliche Komponente haben, die die Kunstsammlung des Europäischen Parlaments hervorhebt.

Der Katalog zur Ausstellung steht hier zum Download bereit.

Let’s talk about LOVE

Ein Gespräch mit dem Künstlerpaar Katrin Bongard und Uwe Carow in der Kunstgießerei Altglienicke

Artists Katrin Bongard and Uwe Carow in front of their works
Katrin Bongard und Uwe Carow vor ihren Werken

Katrin Bongard und Uwe Carow bezeichnen sich als „working couple“ Katrin versteht sich als Malerin, auch wenn die meisten Ihrer Arbeiten Wandobjekte sind. Uwe ist Bildhauer und Poet. Seit sie sich in der Hausbesetzer-Szene Berlins der 80er Jahre kennen lernten, leben sie einem fortwährenden Dialog, der sich über ihre Beziehung, Familie, ihr gesamtes – künstlerisches -Schaffen, ihr Sein erstreckt.

Die Ausstellung LOVE YOU – RELATIONS ist das Ergebnis ihrer EXPLORATION #1 – einem Format, das Bongard und Carow in 2022 entwickelten und als Exhibition in Progress bezeichnen. Zwei Künstler erforschen sich gegenseitig, kombinieren ihre Arbeiten, finden neue Wege der Ausstellung, kommunizieren durch Kunst.

Die zweiteilige Plastik "Paar #4" von Uwe Carow, bemalt von Katrin Bongard.
Uwe Carow: Paar #4, 2022/3

Artist Talk – Sonntag 12. November 2023 – 15 Uhr

Kunstgiesserei Altglienicke

Wegedornstraße 46 | 12524 Berlin | Deutschland

Fon: +49(0)30 44 55 181 | Fax: +49(0)30 44 73 23 11

E-Mail: 

Internet: www.kunstgiesserei-altglienicke.de

Is it no more beautiful than that?

Und doch: Schöner ist es nicht? Neueröffnung von CAMP SPACE Berlin

Gemälde der jungen Malerinnen Roxanne Krumm (USA) und Skai (Litauen) in der Pop-Up Galerie CAMP SPACE Berlin
Malerei von Roxanne Krumm and Skai kuratiert von Tayla Camp

7. September bis 2. Oktober 2023

Mit „Is It No More Beautiful Than That?“ / „Und doch: Schöner ist es nicht? Das ist das Ganze?“ eröffnet Kuratorin und Galeristin Tayla Camp (geb. 1991, USA)  einen neuen temporären Kunstraum in Berlin Mitte. Das Projekt Camp Space etabliert sich als Pop-Up Galerie, die insbesondere Frauen und artists of color eine Plattform bietet.

Gallery owner and curator TAYLA CAMP sitting in her black office.
Gallery owner and curator Tayla Camp

Mit der Eröffnungsausstellung werden zwei junge Künstlerinnen auf ihrer komplexen Suche von Enttäuschung und Unzufriedenheit hin zu emotionaler Erfüllung begleitet. Mit neuen stilistisch unterschiedlichen aber thematisch aufeinander bezogenen Werken dokumentieren die Künstlerinnen Roxanne Krumm (geb. 1988, USA) und Skai (geb. 1992, Litauen) ihr entschlossenes, fast zermürbendes, Bemühen um Wahrheit und Lebendigkeit sowohl in sich selbst als auch in der sie umgebenden Realität.

Camp Space will aufstrebenden Künstler:innen, insbesondere Frauen und artists of color würdigen, deren Werke Geschichten erzählen und zur Sinngebung anregen. Durch sorgfältig kuratierte Präsentationen, die sich mit sozialen, kulturellen und politischen Themen auseinandersetzen, gewährt Camp Space eine Plattform für intersektionale Repräsentation. Camp Space bietet Kunstwerke zu Preisen, die auch kleineren Budgets gerecht werden, von hochwertigen Kunstdrucken bis hin zu Originalgemälden in unterschiedlichen Formaten.

Awesome painting "When will the wait be over?" (2022, oil on canvas, 40 x 40 cm) by young lithuanian painter SKAI
Skai: When will the wait be over?, 2022. Oil on panel, 40 x 40 cm.

Galerie Neueröffnung in Berlin
Camp Space präsentiert: „Und doch: Schöner ist es nicht?“
Werke von Roxanne Krumm und Skai, kuratiert von Tayla Camp
07.09. – 02.10.2023
Brunnenstraße 22, 10119 Berlin

Presse Preview: 4. September, 18 bis 22 Uhr
Vernissage: 6. September, 18 bis 23 Uhr

Press Contact: ARTEFAKT Kulturkonzepte