Gegossen in Berlin und Brandenburg

300 Jahre Kunstguss zwischen Lauchhammer und Spreebord

Von der brandenburgischen Gründungssensation über Berlins bedeutende Gießereien bis zu einem digitalen Archiv, das Skulptur neu sichtbar macht: eine Spurensuche.

Der Bronzeguss ist ein Verfahren, das sich seit dreitausend Jahren kaum verändert hat. Ton, Wachs, flüssiges Metall, fertige Form. Die Schritte sind dieselben geblieben, auch wenn die Werkzeuge moderner geworden sind. In Berlin und Brandenburg ist diese alte Technik ungewöhnlich tief verwurzelt.

1784: Das Wunder von Lauchhammer

Im Süden Brandenburgs, in einer moorigen Niederung zwischen Spreewald und Lausitz, ereignete sich 1784 etwas, das Zeitgenossen als kunsttechnische Sensation feierten. In der Eisengießerei Lauchhammer gelang zum ersten Mal in der Weltgeschichte der Figurenguss einer lebensgroßen Hohlfigur aus Gusseisen, in einem einzigen Stück! Die Zeitgenoss:innen nannten das abgelegene Lauchhammer fortan einen „kunsttechnischen Wallfahrtsort“.

Den Grundstein hatte sechzig Jahre zuvor eine Frau gelegt. 1725 ließ die Unternehmerin Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal einen Holzkohle-Hochofen errichten, den „Lauch-Hammer“. Den entscheidenden Impuls zur Kunst setzte ab 1776 ihr Nachfolger Detlev Carl Graf von Einsiedel, der die Bildhauer Thaddäus Ignatius Wiskotschil aus Böhmen und Joseph Mattersberger aus Osttirol holte, um das völlig neue Verfahren des Hohlgusses zu entwickeln.

A.F.Schwarzsbach-Frf.v.Löwendal-Kunstgussmuseum-Lauchhammer-2025-photo-anemone-vostell
Anna Franziska Schwarzbach: Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal, 2025. Eisenguss vor dem Kunstgussmuseum Lauchhammer. Foto. Anemone Vostell.

In Lauchhammer verdichtete sich die Verbindung von Handwerk und Kunstgeschichte. Schinkel entwarf gusseiserne Möbel und Gebrauchsgegenstände, die dort gefertigt wurden. Christian Daniel Rauch lieferte Modelle für Bronzestatuen im Posener Dom; ein Auftrag, der der Gießerei eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1855 eintrug. Das Luther-Denkmal in Worms, der gusseiserne Nil-Pavillon von Gezira zur Eröffnung des Suezkanals: Die Erzeugnisse der brandenburgischen Gießerei standen bald auf allen Kontinenten.

Das Kunstgussmuseum Lauchhammer bewahrt diesen Schatz: einen historischen Modellfundus von über 2.800 Objekten; einmalig in der Welt. 2025 wurde das 300-jährige Jubiläum mit der Enthüllung einer Statue der Gründerin Freifrau von Löwendal, geschaffen von der Berliner Künstlerin Anna Franziska Schwarzbach, gegossen vom Traditionsunternehmen der Gießerei Lauchhammer, gefeiert (ein Eisenguss der Büste wurde bereits 2022 auch in der Galerie der Gießerei Altglienicke, einem Sculpture-Network-Mitglied, ausgestellt). Die Gießerei Lauchhammer musste 2024 Insolvenz anmelden; ein Zeichen dafür, dass das kulturelle Erbe allein keine Gießerei am Leben hält! Dennoch als älteste Kunstgießerei Deutschlands arbeitet sie weiter.

Die Linie von Lauchhammer nach Berlin: Das Haus Noack

Es ist kein Zufall, dass der Gründer der bedeutendsten Berliner Kunstgießerei aus der Lausitz stammte und sein Handwerk in Lauchhammer erlernte. Hermann Noack I., 1867 in der Oberlausitz geboren, eröffnete 1897 – unterstützt durch die Berliner Bildhauer August Gaul und Fritz Klimsch – in einem Kellergeschoss in Berlin-Wilmersdorf seine eigene Gießerei. Zuvor hatte er an der Montage des Nationaldenkmals Kaiser Wilhelms I. von Reinhold Begas mitgewirkt. Die Mitarbeiter fielen während des Gusses gelegentlich in Ohnmacht. Es war ein ungemütlicher Beginn für ein Unternehmen, das ein Jahrhundert später zu den fünf führenden Kunstgießereien der Welt zählen würde.

Hermann-Noack-III-Reclining-Figure-scaled
Hermann Noack III. mit Reclining Figure von Henry Moore. Foto: Bildgießerei Hermann Noack

Die Bildgießerei wurde zur ersten Adresse des deutschen Bronzegusses und ist bis heute ein Familienunternehmen in vierter Generation: Hermann Noack I. (1867 – 1941), II. (1895 – 1958), III. (1931 – 2026) und IV. (geb. 1966). Besondere Bedeutung kommt Hermann Noack III. zu, der das Unternehmen bereits mit 27 Jahren von seinem Vater übernahm und ab 1958 eine enge, jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Henry Moore begann; eine der fruchtbarsten Künstler-Gießerei-Beziehungen des 20. Jahrhunderts. Den Auftakt bildete der Guss der Draped Reclining Woman; es folgten zahlreiche Großwerke, darunter die monumentale Reclining Figure für das Lincoln Center in New York (1965), wie auf einem Gruppenbild im Henry-Moore-Archiv festgehalten ist.

Zum 70-jährigen Jubiläum der Gießerei 1967 schrieb Moore persönlich das Vorwort der Festschrift; ein ungewöhnlicher Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. Und Kunstkritiker Heinz Ohff kommentierte darin treffend: „Zwischen dem Entwurf des Künstlers in Wachs oder Gips und der endgültigen Ausführung liegt ein handwerklicher Prozess, der seine eigene Fertigkeit verlangt und seine eigene Tradition hat, die bis ins zweite Jahrtausend v. Chr. zurückreicht.“

Noack prägte die Bronze im Berliner Stadtbild in besonderer Weise: die Neuherstellung der Quadriga von Schadow, der Guss der Berliner Bären nach Renée Sintenis – deren Werke die Gießerei bereits ab 1913 ausführte –, die Restaurierung der Viktoria auf der Siegessäule. Auch während der Teilung Berlins blieb die Gießerei in West-Berlin für internationale Künstler aktiv und hielt die Verbindung zur globalen Kunstwelt. 2009 zog sie dann in einen modernen Neubau am Spreebord in Charlottenburg.

Ernst Barlach und die Bildgießerei Noack: Wenn Bronze überlebt, was eingeschmolzen wurde

Zwischen der Berliner Bildhauertradition und der Bildgießerei Noack gibt es eine Beziehung, die zugleich die schönste und die erschütterndste Geschichte des deutschen Kunstgusses im 20. Jahrhundert erzählt, in deren Mittelpunkt der Bildhauer Ernst Barlach steht.

Barlach lebte ab 1910 überwiegend zurückgezogen, fern vom Berliner Kunstbetrieb. Er war vor allem Holzbildhauer, aber für das Bleibende verlangte er nach Bronze. Genau dafür fand er in der Bildgießerei Noack den idealen Partner. 1927 schuf er den Schwebenden: eine schwebende Bronzegestalt als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Die Gesichtszüge tragen unverkennbar die Züge seiner Freundin Käthe Kollwitz, die ihrerseits eng mit Noack verbunden war.

Noack Galerie: Ausstellungsansicht „Ernst Barlach zum 150. Geburtstag“, 2022. Foto: Roman März
Noack Galerie: Ausstellungsansicht „Ernst Barlach zum 150. Geburtstag“, 2022. Foto: Roman März

1937 entfernten die Nationalsozialisten den Schwebenden als „entartete Kunst“. 1941 wurde er eingeschmolzen, als Material für Munition. Nur weil Freunde das Werkmodell gerettet und einen Zweitguss hatten herstellen lassen, existiert das Werk überhaupt noch; es war wiederum Noack, der nach dem Krieg die Teile restaurierte. Dass das Werk überlebte, verdankt es allein der Existenz eines zweiten Gusses. Kein anderes Kapitel der Gussgeschichte macht den politischen Charakter des Materials so eindringlich sichtbar: Bronze ist dauerhaft, aber sie ist nicht unzerstörbar. Es ist ihre Duplizierbarkeit, die zur Technik des kulturellen Widerstands wurde.

Bildhauerei in Berlin: Das digitale Gedächtnis der Stadt

Wer wissen will, welche Skulptur wann wo in Berlin stand oder steht, stößt früher oder später auf bildhauerei-in-berlin.de: eine Datenbank, die Denkmäler und Kunstwerke im öffentlichen Raum der ehemals geteilten Stadt systematisch erfasst. Hinter dem Projekt steht Prof. Dr. Susanne Kähler, Professorin für Museologie an der HTW Berlin. Von 2007 bis 2014 leitete sie das Kunstgussmuseum Lauchhammer, ehe sie Professorin an der HTW Berlin wurde. 2018 übernahm sie das Projekt Bildhauerei in Berlin an der Hochschule. Die Plattform steht für ein differenzierteres Bild der DDR-Plastik: Bildhauer:innen wie Sabina Grzimek, Wieland Förster oder Wilfried Fitzenreiter haben Werke von hoher Qualität geschaffen, die eine sorgfältige Betrachtung verdienen. Bildhauerei-in-berlin.de ist mehr als ein Archiv; es zeigt auf, dass Skulptur im öffentlichen Raum kollektives Gedächtnis ist.

Bodytalk 2026: Berlin als Ort der Figur

Im Oktober 2026 bringt das Internationale Forum Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur die internationale Skulpturszene nach Berlin. Das von Sculpture Network ausgerichtete Forum ist ein fester Termin im Kalender der europäischen Kunstwelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die menschliche Figur in der westlichen Kunst weitgehend aufgehört zu existieren. Von den totalitären Regimes für Propaganda instrumentalisiert, war sie zum Tabu geworden. Seit den 1980er Jahren kehrt die Figur zurück, aber in neuer Form: nicht als Idealkörper oder heroisches Denkmal, sondern als Trägerin existenzieller Fragen. Prof. Dr. Susanne Kähler spricht auf dem Forum über Body language in public sculpture of (the two) Berlin(s) and their development from the 1980s on. Damit schließt sie den Bogen, der die Bildhauerei der geteilten Stadt in ihren Gegensätzen und Parallelen begreifbar macht und unmittelbar an ihre Arbeit für bildhauerei-in-berlin.de anknüpft.

TIE_140_Grzimek-S_Ruhende-Stehende_HU-165-18_Feist_1988_Kst-in-Bln-scaled
Die Stehende und liegende Gruppe 1987 in der Ausstellung „Kunst in Berlin 1648 – 1987“ vor dem Alten Museum. Foto: P. H. Feist, 1988 (korr. 1987), CC-BY-SA-4.0-int., HU Berlin IKB, Slg. Feist, 165.18

Zum Abschluss der dreitägigen Konferenz lädt die Bildgießerei Noack die internationalen Gäste des Forums zu einer Führung durch das traditionsreiche Haus am Spreebord ein: durch Gießraum, Ziselierwerkstatt und die zeitgenössische Galerie. Besonders reizvoll ist der Einblick in das im Gebäudekomplex der Gießerei befindliche Atelier der russischen Bildhauerin Anna Bogouchevskaia, einer international ausgewiesenen Künstlerin an der Schnittstelle von Figuration und Abstraktion. Ein lebendiges Zeugnis dafür, dass hier Handwerk und freies Schaffen seit jeher miteinander existieren. Den Abend beschließt ein festliches Dinner in der der Gießerei angeschlossenen Bar Brasse, einem französischen Restaurant mit offenem Kamin, das den idealen Rahmen für Gespräche bietet, die über die Konferenz hinausgehen.

Nachlese: Was die Bronze (ver)spricht

Die Geschichte des Kunstgusses in Berlin und Brandenburg ist keine Geschichte des Bewahrens um des Bewahrens willen. Sie ist eine Geschichte der Verwandlung. Das Eisen der Niederlausitz wurde zur Sensation von Lauchhammer; das Handwerk der Lausitz wanderte mit Hermann Noack nach Berlin; die Bronze bewahrte Barlachs Werk vor der Vernichtung; das digitale Archiv macht sichtbar, was im Stadtraum längst unsichtbar geworden war.

Und vom 29. bis 31. Oktober 2026 werden Menschen aus ganz Europa nach Berlin kommen, um über die menschliche Figur zu sprechen. Über das, was stille Gesten ausdrücken können. Über das, was Bronze hält, wenn alles andere zerbricht.

Anna Franziska Schwarzbach: Jubiläumsplakette – 300 Jahre Eisenwerk, 2025. Foto: Anemone Vostell
Anna Franziska Schwarzbach: Jubiläumsplakette – 300 Jahre Eisenwerk, 2025. Foto: Anemone Vostell

Sandstein voller Leben!

SteinBruchZeit & Skulpturensommer – ein Tagesausflug nach Pirna

Ursula Güttsches, Sanfte Verstörung, 2023, Reinhardtsdorfer Sandstein, 31 x 85 x 30 cm
Ursula Güttsches, Sanfte Verstörung, 2023, Reinhardtsdorfer Sandstein, 31 x 85 x 30 cm

Zur Finissage der Jubiläumsausstellung des Berliner Bildhauersymposions Stein Bruch Zeit mit Kunstgespräch und einem Besuch des alljährlichen Pirnaer Skulpturensommers führt meine Sculpture Network Dialogue-Veranstaltung nach Pirna und findet „Sandstein voller Leben“.

Begegnungen mit Prof. Helmut Heinze, Mentor des Pirnaer Skulpturensommers, Ko-Kuratorin Gisela Protze und später Kuratorin Christiane Stoebe, sowie der Organisatorin des Berliner Bildhauersymposiums, Margerite Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches und Robert Schmidt-Matt, beide langjährige Teilnehmende am Symposium, zeigen uns wie lebendig Skulptur sein kann.  

Julia Schleicher, Eugenia und Paradiesvögel, 2017, Aluminium. Fotos: Frank Höhler, Key Visual: Jens Dauterstedt,Collage: KTP
Julia Schleicher, Eugenia und Paradiesvögel, 2017, Aluminium. Fotos: Frank Höhler, Key Visual: Jens Dauterstedt,Collage: KTP

Jedes Jahr findet auf dem Sonnenstein, hoch oben über der Stadt Pirna, der Skulpturensommer statt. Unterhalb des Schlosses, in den Bastionen der ehemaligen Festungsanlage kuratiert die Bildhauerin und Kunstpädagogin Christiane Stoebe gemeinsam mit den Ko-Kuratorinnen Gisela Protze und Bettina Heymann wechselnde Themenausstellungen mit Figuren, Installationen und Interventionen. Die kolossale Verteidigungsarchitektur wird mit klassischer wie zeitgenössischer Skulptur konfrontiert, zu neuem Leben erweckt. Einem Leben, dass sich mit Haltung. Haltungen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart stellt.

Unter diesem Titel vereint der Pirnaer Skulpturensommer 2024 figürliche Arbeiten von Christa Biederbick (DE), Laura Eckert (DE), Jakub Goll (CZ), Hermann Grüneberg (DE), Elisabeth Howey (DE), Michal Hradil (CZ),  Aleš Hvízdal (CZ), Käthe Kollwitz (DE), Agnes Lammert (DE), Martin Malý (CZ), Dana Meyer (DE), Katja Neubert (DE), Sebastian Paul (DE), Tillmann Riemenschneider (DE), Julia Schleicher (DE), Siegfried Schreiber (DE), Petr Šťastný (CZ) wie auch Installationen und Interventionen von Valentin Hertweck (DE), Michal Hradil (CZ), Juliane Jaschnow (DE), Julio Meiron (BR/DE), Irene Pätzug (DE) und Adam Velíšek (CZ).

Li.: Siegfried Schreiber, Rosel II, um 1986, Bronze, 168 cm, Leihgabe Städtische Museen Zittau. Re.: Christa Bieberbick, Mädchen auf rotem Tuch, 1971-72, Polyester, eingefärbt, 167 x 104 x 63 cm, Leihgabe d. Künstlerin. Photo: Anemone Vostell

Das Zusammenspiel historischer wie klassischer Plastiken von Käthe Kollwitz (Pieta 1937-38), Siegfried Schreiber (u.a. Mädchentorso mit gesenktem Kopf, 1980) sowie einer Replik von Tilman Riemenschneiders Maria (Original aus der Renaissance) mit zeitgenössischer Skulptur von Christa Biederblick (Mädchen auf rotem Tuch, 1971-72), Agnes Lammert (Mud, 2016) oder Adam Velišek (Kinetic sculpture alley, 2019) überrascht; bricht die sowohl starre Umgebung als auch Erwartung auf.

Durch die sich öffnenden wie schließenden Räume gelangen die Besucher*innen tief hinein in das Gewölbe. Der Blick fällt hinab auf die Intervention von Irene Pätzug und Valentin Hertweck (Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024) die Christa Biederbicks Figur Soldat (1994-97) umspielt: ein durchsichtig rosafarbener Gaze-Vorhang streicht sanft über die auf einem Stuhl sitzende, erstarrte Figur eines Mannes in Militärmantel und -stiefeln, die Hände geballt aber kraftlos auf dem Schoß liegend.

Christa Biederbick, Soldat, 1994-97, Polyester, eingefärbt, 130 x 45 x 65 cm, Leihgabe Künstlerin + Irene Pätzug und Valentin Hertweck, Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024, Kinetische Installation, Motor, Aluminium, Tuch, 450 x 340 x 340 cm. Leihgabe Künstler*innen. Photo Anemone Vostell
Christa Biederbick, Soldat, 1994-97, Polyester, eingefärbt, 130 x 45 x 65 cm, Leihgabe Künstlerin + Irene Pätzug und Valentin Hertweck, Der Schleier allein macht die Nonne nicht, 2024, Kinetische Installation, Motor, Aluminium, Tuch, 450 x 340 x 340 cm. Leihgabe Künstler*innen. Photo Anemone Vostell

Prof. Helmut Heinze (*1932), selbst Bildhauer und ehemals Professor für Plastik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden erinnert uns bereits vorab an die grausame Geschichte der unweit gelegenen Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein, in der in den Jahren 1940/41 unter den Nationalsozialisten nicht weniger als 13.720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie mehr als tausend Häftlinge aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Im Vorfeld der Dialogveranstaltung, während des EU-Wahlkampfs, erreichen mich sorgenvolle Rückfragen bis hin zu heftiger Kritik, dass ich im Zuge des allgemeinen Rechtsrucks vor allem auch in Sachsen, diesen Tagesausflug überhaupt anbiete. Meine Antwort darauf, dass gerade deshalb, der Dialog wichtig ist, bestätigt sich in vielerlei Hinsicht. Engagierte Menschen, Künstler*innen, Professor*innen und einfache Kunstliebhaber*innen stellen Projekte wie diese vor Ort auf die Beine, eröffnen ein Narrativ der Haltung und Haltungen. Stoßen das Gespräch an, geben der Geschichte die Möglichkeit erzählt zu werden, schaffen Verständigung mit dem Ergebnis des Erkennens.

Seit mehr als einer Dekade fährt Kuratorin Christiane Stoebe mit ihrem Wagen durch die Lande, besucht Ateliers, Museen und Sammlungen, um die Exponate zusammen zu stellen. In diesem Jahr belebt sie mit Werken tschechischer Künstler*innen die kulturellen Beziehungen zum Nachbarland. Hier fallen vor allem die Arbeiten von Petr Štastny (Weight, 2019) und Michal Hradil (Construction, 2016) auf.

Ausstellungsansichten mit Werken von: li. Siegfried Schreiber, Michal Hradil und Katja Neubert, re. Petr Štastny. Photos Anemone Vostell.

Kunstkritiker Marcel Fišer schreibt im Katalog zur Ausstellung: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die politische Situation völlig verändert, nachdem die Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben worden waren und auf den Trümmern von Hitlerdeutschland gleich drei Staaten entstanden waren. Man möchte meinen, dass der Kulturaustausch am stärksten mit dem Staat hätte sein sollen, der zum sozialistischen Lager gehörte, als mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Aber das Gegenteil ist wahr: es existierten zwar die verschiedensten „Freundschafts-Ausstellungen“ auf der Ebene der Regionen, doch irgendeine repräsentative Schau der zeitgenössischen ostdeutschen Kunst, die etwa der Ausstellung Kunst der Bundesrepublik Deutschland im Prager Mánes im Jahr 1967 entsprochen hätte, hat es in der Tschechoslowakei nie gegeben. Ebenso konnten wir im Jahr 1988 in der Nationalgalerie in Prag eine große Ausstellung von Otto Herbert Hajek sehen, der noch in Böhmen geboren wurde und in den Jahren 1972 bis 1979 erster Vorsitzender des Deutschen Künstlerbunds war, also der offiziellen Organisation der westdeutschen bildenden Künstler, während sein Landsmann aus dem nordböhmischen Chrastava (Kratzau) Willi Sitte, der in den Jahren 1974 bis 1988 Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR war, eine derartige Ausstellung niemals erlebte.(…) Dem Wesen der heutigen Situation, wo eindeutige Hierarchien und dominante Zentren verschwunden sind, entspricht jedoch eher die Metapher eines dichten Netzes von Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren des Kunstbetriebs auf den unterschiedlichsten Ebenen, in das sich auch die gegenwärtige Ausstellung einbringt.“[1]

Ko-Kuratroin Gisela Protze und Mentor Prof. Helmut Heinze führen in den Pirnaer Skulpturensommer ein. Photo Anemone Vostell.

Schnitt: Unter Sonnenschirmen sitzen wir auf der Terrasse der Schänke und lauschen den Ausführungen des 92jährigen Zeitzeugen Heinze, stellen Bezüge zu gesellschaftskritischen Strömungen der Kunstgeschichte wie der Fluxus- und Happening-Bewegung her, bevor wir ins StadtMuseum Pirna durch die Gassen dieser schönen Renaissance-Stadt laufen.

Anlässlich des 50jährigen Jubliäums des „Berliner Bildhauersymsposiums“ zeigt die Ausstellung Stein Bruch Zeit im StadtMuseum Pirna Arbeiten von Eva Backofen, Günter Blendinger, Marguerite Blume-Cárdenas, Inka Gierden, Karin Gralki, Ursula Güttsches, Sigrid Herdam, Ulrich Jörke, Liz Kratochwil, Karl Möpert, Emerita Pansowová, Robert Schmidt-Matt, Karin Tiefensee, Annette Tucholke-Bonnet und Berndt Wilde, die über die Jahre im Steinbruch Rheinhardtsdorf I geschaffen wurden. Sein feiner und gleichsam fester Elbsandstein zog Anfang der 1970er Jahre den Berliner Bildhauer Karl Möpert an, der 1974 das erste Berliner Bildhauersymposium im Steinbruch Reinhardtsdorf, initiierte.

Kunstgespräch mit v.l.n.r. Margueritte Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches, Detlef Schweiger, Robert Schmidt-Matt. Photo Anemone Vostell.
Kunstgespräch mit v.l.n.r. Marguerite Blume-Cárdenas, Ursula Güttsches, Detlef Schweiger, Robert Schmidt-Matt. Photo Anemone Vostell.

In dem von Detlef Schweiger moderierten Kunstgespräch reflektieren Bildhauerin und Organisatorin Marguerite Blume-Cárdenas (Berlin), Bildhauerin Ursula Güttsches (Dresden) sowie Robert Schmidt-Matt (Berlin) über die Entwicklung und Perspektiven des mittlerweile privatwirtschaftlichen Symposiums.

Ursprünglicher Schirmherr des „Berliner Bildhauersymposiums“ war damals der Verband Bildender Künstler der DDR mit Sitz in Berlin. An jedem Symposium nahmen sieben bis zehn Bildhauerinnen und Bildhauer aus Berlin und den Bezirken der DDR teil. Außerdem wurden Gäste aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine, Finnland und Österreich eingeladen. Der Kulturfond der DDR förderte das Symposium mit Stipendien, Kosten für Unterkunft, Steinmaterial, Werkzeugen und Transporten. Der VEB Elbenaturstein Dresden wurde Partner. Den Teilnehmenden standen jeweils 1/3 qm Stein zur Verfügung. Alle konnten frei ohne Vorgabe eines Themas arbeiten. Die fertigen Skulpturen blieben Eigentum der Künstlerinnen und Künstler. Einige davon befinden sich heute in Museen.

Steinbruch Reinhardtsdorf I, 1984 mit den Bildhauerinnen Eva Backofen, Liz Mields-Katochwil, Inge Hunzinger, Emerita Pansowová, Marguerite Blume-Cárdenas, Steinbrechern und Meister Martin Mathies© Ausst.-Kat. Stein Bruch Zeit 2024
Steinbruch Reinhardtsdorf I, 1984 mit den Bildhauerinnen Eva Backofen, Liz Mields-Kratochwil, Inge Hunzinger, Emerita Pansowová, Marguerite Blume-Cárdenas, Steinbrechern und Meister Martin Mathies© Ausst.-Kat. Stein Bruch Zeit 2024

Ab 1991 wurde das Symposium vier Wochen im Juni unter eigener Finanzierung mit Unterstützung der Sächsische Sandsteinwerke GmbH weitergeführt. Als der Bildhauer Karl Möpert im Jahr 2010 aus gesundheitlichen Gründen ausschied, übernahm die Bildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas, die seit Beginn des Symposiums aktiv mitgearbeitet hat, die Organisation bis heute. Während der übrigen Sommermonate konnten der Neue Sächsische Kunstverein, Studierende der Hochschule für Bildende Künste Dresden, der Kunsthochschulen Berlin-Weißensee und der Burg Giebichenstein Halle die im Steinbruch geschaffenen Arbeitsbedingungen auch für ihre Symposien und Studienaufenthalte nutzen.

So war auch die in Bonn geborene Bildhauerin Ursula Güttsches als Studierende der Klasse Heinze in den Steinbruch gekommen, hatte sich am Elbsandstein ausprobieren können und ist drangeblieben. Der Stein fordert das gemeinsame Anpacken, besonders wo es jetzt keine industriellen Brechwerkzeuge mehr gibt. Ingenieurswissen, wie das von Robert Schmidt-Matt, an welcher Stelle die einzelnen Keile gesetzt und dann der Reihe nach eingeschlagen werden, um den Block zu brechen, wird geteilt.

Li.: Marguerite Blume- Cardenas, Auftakt, 2017, Reinhardtsdorfer Sandstein, 60 × 22 × 20 cm, re.: Karl G. Möpert, Natursteine, 1997, Reinhardtsdorfer Sandstein, 45 × 30 × 15 cm

Später organisierten Berliner und Dresdner Bildhauerinnen gemeinsam mit dem Caritasverband für Dresden e.V. und der Gemeinde Reinhardtsdorf internationale Jugend- und generationsübergreifende Bürgerprojekte. Ein Skulpturenwanderweg verbindet heute Steinskulpturen in der Landschaft in und um Reinhardtsdorf, die während der internationalen Bildhauersymposien und anderer Projekte im Steinbruch entstanden sind.

Steinbruch Reinhardtsdorf. Photo Privatarchiv.
Steinbruch Reinhardtsdorf. Photo Privatarchiv.

Der Austragungsort des Symposiums hat sich bis heute nicht geändert, man arbeitet weiter im Steinbruch – allerdings war Reinhardtsdorf I nur bis Ende der 1990er-Jahre in Betrieb, langsam abgelöst durch den benachbarten Sandsteinbruch Reinhardtsdorf II, zwischen Krippen und Reinhardtsdorf gelegen. Das Symposium findet weiter auf dem Gelände des inzwischen teilweise rückverfüllten Steinbruchs Reinhardtsdorf I statt, allerdings ohne Strom und Wasser. Und mit Öffnung von Reinhardtsdorf II war auch der von beiden Seiten geschätzte direkte, ständige Kontakt zwischen Steinbrechern und Künstler*innen, zwischen Steinabbau und Kunstmachen, gekappt.[2]

Eine öffentliche Ausschreibung des Symposiums wird nicht angestrebt, hielte zu sehr von der künstlerischen Arbeit ab. Es gibt keine Website, keine Social Media, auch kein Archiv. Aber eine sehr schöne Begleit-Publikation zur Ausstellung. [3]

Man kennt sich untereinander und sei offen für informelle Bewerbungen: bei Interesse bitte bei Marguerite Blume-Cárdenas oder den anderen Teilnehmer*innen melden!


[1] Marcel Fišer: Zur Einführung in die Ausstellung, in: Pirnaer Skulpturensommer, KTP Pirna 2024

[2] Quelle: Dr. Teresa Ende, Eröffnungsrede „SteinBruchZeit“, Pirna 2024.

[3] Stein Bruch Zeit – 50 Jahre Berliner Bildhauersymposium im Steinbruch Reinhardtsdorf, Hrsg: Marguerite Blume-Cárdenas in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Pirna, 2024. Zu bestellen per Mailanfrage an für 8,- Euro inkl. Versand; oder bis Jahresende 2024 im Stadtmuseum Pirna vor Ort für 6,- Euro erwerbbar.

Art moves – art connects

Sculptura #2 festival in Brussels

Pavlina Kvitas riesige Skulptur Guardian von 2023 im historischen Gare Maritim in Brüssel zum belgischen Skulpturen-Festival Sculptura #2 vom 19. Januar bis 10 März 2024
Pavlína Kvita (*1988): Guardian, 2023. Glasfaserbeton, 250 x 210 x 180 cm. Foto Willi Reiche.

Zum zweiten Mal findet in Brüssel das Sculptura Festival statt. 2024 wurde Sculptura #2 erweitert und bezieht den öffentlichen Raum mit ein. Die Ausstellung im historischen Gare Maritime wird um einen Skulpturenpark auf dem Gelände von Tour & Taxis sowie von Ausstellungen an verschiedenen Orten in der europäischen Hauptstadt ergänzt.

Sculptura ist eine europäische Geschichte, an der 40 Künstler*innen aus allen Teilen Europas teilnehmen. In Zusammenarbeit dem führenden europäischen Netzwerk für dreidimensionale Kunst sculpture-network.org hatte ich neben meinen Kolleg*innen Anne Berk, Marina Bauer (HRV) und Hilde van Cannyet (BE) die Gelegenheit, zwei Bildhauer*innen aus dem Baltikum für die Ausstellung zu kuratieren:

Sigita Dackevičiũtė (*1959) aus Litauen mit der Installation Nature/Civilisation II aus dem Jahr 2021. Dackevičiūtė studierte Kunst in Vilnius und Kaunas, und unterrichtet Bildhauerei, Komposition und Zeichnung am Kunstgymnasium Kaunas seit 1983.

Die mehrteilige Installation Nature/Civilisation II von Sigita Dackevičiūtė auf dem Festival Sculptura #2 in Brüssel 2024.
Sigita Dackevičiūtė: Nature/Civilisation II, 2021 , © Sculptura#2 (in front)

Ihr Werk umfasst Installationen, Skulpturen und digitale Kunst. Es ist eine Kombination aus abstrakten Formen, geometrischen Mustern, organischen Elementen und leuchtenden Farben. Sie experimentiert oft mit verschiedenen Techniken und Materialien, was ihren Arbeiten eine dynamische und ausdrucksstarke Erscheinung verleiht.

Ihre Installationen mäandern entlang ökologischer Themen und der Überschneidungen von Natur und Technik. Andere Themen, die Dackevičiūtė in ihrem Werk erforscht, sind die Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie die Suche nach Identität und Selbsterkenntnis. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf Prozesse wie ‚jemand anderes zu werden“, oder „in den Schuhen eines anderen zu stehen“, als auch auf das Infragestellen gewohnter Hierarchien.

Die inhaltliche Spannung verstärkt sie durch Konfrontation und Kontrastierung von Formen, Materialien und Rhythmen. Unterschiedliche Formen und Rhythmen interagieren unterschiedlich mit visuellen Eindrücken: Sie verstärken oder schwächen sich gegenseitig und schaffen zusätzliche, widersprüchliche Schichten von Bedeutung.
Ihre Arbeiten geben keine Antworten, sie versuchen lediglich, die Komplexität die komplexe Beziehung des modernen Menschen zur Natur und Gesellschaft aufzuzeigen.

Des weiteren Mari Männa (* 1991), eine estnische Künstlerin, die bekannt für ihre Skulpturen und Installationen ist. Sie studierte an der Estnischen Kunstakademie, an der Gerrit-Rietveld-Akademie in Amsterdam und an der Aalto-Universität in Helsinki.

Die estnische Künstlerin Mari Männer in ihrer Skulpturengruppe "Remnants" von 2021.
Maria Männa: Remnants, 2021

Maris Arbeit ist inspiriert von der Natur und alter Architektur. Ihre Skulpturen sind oft abstrakt und minimalistisch und zeigen einen Sinn für Bewegung und Dynamik. Ihre bildhauerische Praxis wird von dem Drang angetrieben, Materialien zu erforschen und als ein tägliches Ritual greifbare Formen zu schaffen. Indem sie sich auf Versuch und Irrtum einlässt, hält sie den dynamischen Fortschritt in ihrer Praxis aufrecht. Gleichsam sind ihre Installatione großformatig und imposant und zeigen die Schönheit der Natur und der menschlichen Interaktion mit der Umwelt.

Die Installationen von Männa laden dazu ein, Ruinen zu entdecken: Reste von antiker Säulen und Reliefs. Ihre Werke scheinen einer archäologischen Stätte zu entstammen, wo man sie aus verschiedenen Perspektiven erkunden kann.

Für sie funktioniert Humor als ein wesentlicher Bewältigungsmechanismus, der es ermöglich, gesellschaftlich unerwünschte Impulse umzulenken. Ihre Kunstwerke verweben persönliche Geschichten mit größeren politischen Geschichten.

Acht Wochen lang (19.01.- 10.03.2024) läuft das Festival unter dem Motto „Art Moves, Art Connects“ (Kunst bewegt, Kunst verbindet), bei dem es um die Entdeckung von Skulpturen aus verschiedenen Kunstrichtungen geht, von monumentalen bis hin zu kleineren Werken. Ziel dieser Begegnung ist es, das Publikum zu ermutigen, sich mit dem Genre der Skulptur zu beschäftigen und sich bewusst damit auseinanderzusetzen, woran man in der Stadt eher vorbeigeht. So wird es in Brüssel selbst mehrere Skulpturen zu entdecken geben, unter anderem im Pixel Museum, im MigrationMuseumMigration in Molenbeek und im Hotel The Dominican.

Unter dem Label des belgischen Vorsitzes des Rates der Europäischen Union im ersten Halbjahr 2024 wurde Sculptura als offizielle kulturelle Aktivität anerkannt. Darüber hinaus wird das Festival eine zusätzliche Komponente haben, die die Kunstsammlung des Europäischen Parlaments hervorhebt.

Der Katalog zur Ausstellung steht hier zum Download bereit.

Bildhauer-Symposium IKARUS – Der Höhenflug ausgeschrieben

22. – 30. Juli 2023 im historischen Industriegebiet Darmstadts

Die aktuelle Ausschreibung zum zweiten WOLF-WERK Bildhauersymposion IKARUS -Der Höhenflug, das vom 22. – 30. Juli 2023 in der lichtdurchfluteten Halle 109 auf dem ehemaligen Schenk-Gelände im historischen Industriegebiet Darmstadts stattfindet, ist veröffentlicht. Bewerbungsschluss ist der 1. Juni 2023.

Bildhauer:innen aus ganz Europa sind eingeladen, sich in ihrem Material, sei es Stahl, Stein oder Holz, zum Thema „IKARUS – Der Höhenflug“ auszudrücken und von den Synergien des Symposions zu profitieren. Über einen Zeitraum von acht Tagen erhalten drei bis vier Bildhauer:innen die Möglichkeit in professioneller Umgebung zu kreativem Austausch und gemeinsamem Schaffen an unterschiedlichen Skulpturen zusammen zu kommen.

“Wolf’s initiative bridged the gap between different worlds. There was curiosity about each other’s work. There was an atmosphere in which working together was very good and natural. In addition,

I would like to mention the enormous hospitality and the great atmosphere of the huge and super organized workshop.

In short, it was very worthwhile to participate in this workshop, as together you build a cathedral, you just don’t do that alone.”

[Herbert Nouwens, Slochteren,NL]

Bildhauerin Susanne Roewer beim Symposion Balance 2021

Georg-Friedrich Wolf ist ein wunderbarer Gastgeber und energetischer Bildhauer, der seine großen technischen Fähigkeiten und Möglichkeiten mit verrückten Inspirationsideen (Einladung von Zirkusartisten etc.) verbindet.

Er nimmt die eingeladenen Kolleginnen und Kollegen mit auf freie Assoziations-Reisen, eine bestens ausgestattete Materialspielwiese und bietet zusätzlich ein Präsentationspodium. 

Das Wolf-Werk ist ein großartiger Ort, um Routinen abzuwerfen und im Austausch mit Gleichgesinnten neue Wege zu beschreiten.“

[Susanne Roewer, Basel, CH/Berlin,DE]

So die O-Töne der Teilnehmer:innen des ersten WOLF-WERK Symposions in 2021.

Weitere Informationen finden Sie hier

Das Symposion ist eine Zusammenarbeit mit der europäischen Bildhauer-Vereinigung Sculpture Network und wird organisiert von der Sculpture Network-Koordinatorin für Berlin, Anemone Vostell | BAM! Berlin Art Management.

Sculpture Network – Berlin Dialog I

Ausstellungsbesuch „Neues Berliner Eisen“ in der Kunstgießerei Altglienicke

Kunstguß. Photo: Vivian Reinheimer

Im Rahmen der 9. Internationalen Konferenz für Kunstguß (ICCCIA) in Berlin kuratiert die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach in der Kunstgießerei Altglienicke eine Ausstellung mit Plastiken von Julia Schleicher, Kerstin Grimm, el.doelle, Frank Seidel und sich selbst.

Anna Franziska Schwarzbach: Bettelnder weiblicher Plagegeist. Gußeisen.

Am 22. September 2022 gibt es eine Kurator:innenführung, und die Geschäftsführerin Anke Schirlitz gewährt Einblick in die Arbeitsweise ihrer Kunstgießerei für Bronze, Aluminium und Kunststoff, die sich einer besonders engen, kreativen Zusammenarbeit mit Kunden und Künstlern verschrieben hat.

Paolo Primiero: Arbeiterhände (Hände des Meisters Hoche´,  Eisengießerei P.&HP. Behr in Berlin Weissensee), 1991. Courtesy: the artist.

Programm:

15:30 – 17:00 Uhr      Begrüßung und Einführung durch die Geschäftsführerin der Kunstgießerei, Anke Schirlitz. Anschließend Führung mit der Kuratorin und Künstlerin Anna Franziska Schwarzbach

17:00 Uhr                   Get together mit Vorstellungsrunde für sculpture network Mitglieder und solche die es werden wollen

Teilnehmer:innengebühr: 20,00 Euro (normaler Preis), 10,00 Euro sculpture network Mitglieder
Bitte bar (passend) vor Ort zahlen. Umfasst Willkommensgetränk und Snacks, Führung, Einführung in die Kunstgießerei, Netzwerken.

In Kooperation mit Kunstgießerei Altglienicke

Der Dialog wird von der neuen Koordinatorin von sculpture network für Berlin, Anemone Vostell, organisiert. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrungen im internationalen Kunstmarkt und im Kunstmanagement.
Im Jahr 2020 gründete sie BAM! Berlin Art Management und bietet Künstlern, Kuratoren, Galerien und Sammlern maßgeschneidertes Projektmanagement.

Sich in Sicherheit wägen…

Ausstellungsansicht MK Kaehne mit den skulpturalen Objekten "Komplett" und "Zielscheibe" in der Galerie Hartwich Rügen
MK Kaehne: Komplett & Zielscheibe (Durchmesser 210 cm), 2011.
Ausstellungsansicht Galerie Hartwich, Sellin/Rügen

… in einem System der Sättigung: auf dieses Paradoxon zielen es die beiden Objekte Zielscheibe und Komplett von Bildhauer MK Kaehne ab.

Das Ensemble mit der durchsichtigen Zielscheibe als Hintergrund für die (Schmuck-) Schatulle der Pistole – Komplett – ist eine Referenz auf die Produkt-Präsentation in Kaufhaus-Schaufenstern. Luxeriös ist das Prädikat, das einer beim Anblick dieser präzis gefertigten Objekte durch den Kopf schießt. Einmal erworben hängt das Kunstwerk an der Wohnzimmerwand, das Sonnenlicht erzeugt ein flirrendes Schattenspiel der Ziffern und Linien; ein Statussymbol, das die Gefahr in sich birgt, würde man seine bildliche Definition ernst nehmen.

MK Kaehne: Komplett, 2011. Epoxidharz, Holz, Acrylglas, Pistole. 153 x 87 x 52 cm mit Sockel.
MK Kaehne: Komplett, 2011. Epoxidharz, Holz, Acrylglas, Pistole. 153 x 187 x 52 cm mit Sockel.

Mit dem Bild der geöffneten Schatulle, Schutzhülle und Zielscheibe zugleich, führt der Künstler die eigentliche Funktion dieses Objektes ad absurdum. Ein Griff und die Pistole liegt kühl in der Hand der Kunstliebhaber:in; die Zielgrade verlängert, den Abzug gezogen, und der Schutz ist zerstört. Wie schmal ist eigentlich der Grat zwischen Sicherheit und Gefährlichkeit?  

Das Bett (2016) bleibt unklar; unklar wem die Schüsse ins Museumsglas des Bildes galten. Ist es die Ruhestatt eines handlungsreisenden Singles – im Spiegel des modernen Nomadentums – , oder die eines Geflüchteten, als Metapher für Flucht und Vertreibung? Am Ende vielleicht doch nur ein angeschossenes Setting aus „Schöner Wohnen“…

MK Kaehne: Bett, 2016. Lambdaprint, Holzrahmen, Glas, Pistoleneinschüsse. 146 x 180 cm.
MK Kaehne: Bett, 2016. Lambdaprint, Holzrahmen, Glas, Pistoleneinschüsse. 146 x 180 cm.

MK Kaehne, russisch-deutscher Bildhauer, bewegt sich immer wieder an der Grenze von Realität und Schein, entlang dem Bild und Abbild der Dinge, die unsere ökonomisch orientierte Konsumwelt bestimmen. Mit präziser Sicherheit stöbert er dabei die Brüche auf, die einer das Lachen in der Kehle stecken lassen.

MK Kaehne: Bett (Detail Einschussloch), 2016.
MK Kaehne: Bett (Detail), 2016.

Berlin im Frühjahr 2022 anlässlich des Gallery Weekend Berlin

Erstes Bildhauer-Symposion BALANCE im WOLF WERK Halle 109

Vom 1. bis 3. Oktober öffnet das Wolf Werk im historischen Industriegebiet Darmstadts seine Türen zur Halle 109 und gewährt Einblick in die Disziplin der Bildhauerei

Susanne Roewer: Bedeutungsvoll, 2021. Schmiedeeisen und Glas. 50 x 65 x 70 cm

Im Ergebnis des in Kooperation mit Sculpture Network ausgeschriebenen Bildhauer-Symposions BALANCE werden die drei Bildhauer:innen Marina Jacob (Frankfurt a.M./DE) Susanne Roewer (Berlin/DE, Basel/CH), und Herbert Nouwens (Slochteren/NL) ab dem 26. September gemeinsam mit dem Darmstädter Georg-Friedrich Wolf zum Thema „Gleichgewicht“ arbeiten.

Marina Jacob: Where are your trees, Simurgh, 2018. Stahl. 130 x 170 x 85 cm.

Ihr Ziel ist der gestalterische Austausch individueller Interpretationen in interdisziplinären Material-Kombinationen. Bezieht sich das Gleichgewicht auf physische Eigenschaften eines Werks, oder geht es um seine thematische Abstraktion? Wie verbinden sich inhaltliche Aussage und körperliche Balance in der Skulptur?

Herbert Nouwens: Fuga, 2019. Stahl. 17 x 14 x 5 m.

Das Symposion BALANCE fordert die Teilnehmer:innen heraus, sich mit diesen Aspekten an Hand von interdisziplinären Materialbezügen auseinanderzusetzen: Es gemeinsam mit dem Gleichgewicht, oder aber dem Ungleichgewicht aufzunehmen!

Skulptur fordert die Betrachter:in auf, haptisch zu erleben. Einem Erleben in Präsenz, das den Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf zu diesem Symposion nach klassischem Vorbild[i] bewegte.

Georg-Friedrich Wolf: Believe it, 2021. Studie.

Das Atelier, die Halle 109 auf dem ehemaligen Schenk-Gelände, ist bereits am 1. und 2. Oktober von 15 bis 18 Uhr geöffnet, um die Künstler:innen bei der Arbeit zu sehen.

Am Sonntag, den 3. Oktober von 11 bis 18 Uhr werden dann die unter dem Symposion entstandenen Werke vorgestellt.  

ProgRAMM

1. und 2. Oktober: offenes Atelier von 15 – 18 Uhr

3. Oktober:

  • Ausstellungseröffnung um 11:00 Uhr, die Künstler:innen sind anwesend
  • Sound-Performance im Nachbar-Atelier mit dm richmodis (Bildende Künstlerin) und Gunilda Wörner (Musikerin) um 13:00 Uhr
  • Artist Talk mit Anemone Vostell (Kulturmanagerin Berlin) um 15:00 Uhr

[i] Mit Bildhauersymposium (auch Bildhauersymposion) wird eine Veranstaltung bezeichnet, bei der mehrere Bildhauer oder auch andere Schöpfer plastischer Kunstwerke, wie Metallplastiker oder Keramikkünstler zusammenkommen und in einer gemeinsamen Werkstätte oder Werkplatz Skulpturen entwerfen und gestalten. Die Künstler leben und arbeiten gemeinsam, setzen sich mit dem gleichen Material oder dem gleichen Thema auseinander und bilden ein gemeinsames Forum.

Während die Bildhauer in ihrem schöpferischen Prozess normalerweise allein in ihren Werkstätten ein Kunstwerk entwarfen und arbeiteten, ggf. auch Helfer mit Detailarbeiten beauftragten, gestalten und arbeiten sie in Bildhauersymposien ihr Werk auf einem gemeinsamen Werkplatz – auch teilweise auf dem späteren Aufstellungsort. Mit dieser neuen Form, diesen fast in allen Fällen internationalen Symposien, bestand die Möglichkeit Bildhauer unterschiedlicher Kunstrichtungen, Nationen und Länder zusammenzuführen, zum künstlerischen und menschlichen Austausch, wie auch in späteren Symposien zur gemeinsamen Gestaltung eines Platzes oder eines gemeinsamen Kunstwerks. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bildhauersymposium)

Ausschreibung zum Bildhauer Symposion BALANCE

26. 09. – 3.10.2021 im WOLF WERK Halle 109 Darmstadt

Impression WOLF WERK Halle 109 in Darmstadt während zur Einweihung im Sommer 2019
Impression WOLF WERK Halle 109 während der Eröffnungsausstellung Sommer 2019.

Bewerbungsschluß: 26. Juli 2021

Skulptur fordert heraus haptisch zu erleben. Einem Erleben in Präsenz, dass seit Beginn der Corona Pandemie im Frühjahr 2020 nur noch höchst eingeschränkt möglich war. In der Hoffnung, im Spätsommer/Herbst 2021 wieder gesellig sein zu können, initiiert der Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf ein Bildhauer Symposion, nach klassischem Vorbild[i].

In der historischen Halle 109, dem Wolf-Werk in Darmstadt, sollen drei bis vier Bildhauer über einen Zeitraum von einer Woche zu kreativem Austausch und gemeinsamem Schaffen an unterschiedlichen Skulpturen zusammenkommen.

Bildhauer:innen aus ganz Europa sind eingeladen, sich in ihrem Material, sei es Stahl, Stein oder Holz, zum Thema „Balance“ auszudrücken und von den Synergien des Symposions zu profitieren. Auch Material-übergreifende Erfahrungen sowie das Wechselspiel von Materialien unter gegenseitiger Inspiration und/oder Hilfestellung sind willkommen.

Das Thema BALANCE soll dabei in seiner bildhauerischen wie inhaltlichen Bedeutung ausgelotet werden. Zum einen fordern Material, Volumen und Massen den Bildhauer per se heraus, ein Gleichgewicht zu suchen; zum anderen gilt es künstlerische Schaffenszustände auszubalancieren.

In der Physik ist Gleichgewicht gleich Stillstand. Bewegung und Dynamik kann nur stattfinden, wenn sich die Kräfte im Ungleichgewicht befinden, also aufeinander wirken. In der Kunstgeschichte wird die Balance als Ideal der ausgewogenen Komposition gepriesen, der goldene Schnitt. Umso spannender kann es sein, diesen durch gezielt geschaffenes Ungleichgewicht, zu provozieren.

Das Symposion BALANCE fordert die Teilnehmer:innen heraus, sich mit diesen Aspekten an Hand von interdisziplinären Materialbezügen auseinanderzusetzen: Es gemeinsam mit dem Gleichgewicht, oder aber dem Ungleichgewicht aufzunehmen!

Am Ende des Symposions werden die Arbeiten im Rahmen eines dreitägigen Abschluss-Events mit Künstlergesprächen, Bildhauervorträgen und Ausstellung der im Lauf des Symposions entstandenen Arbeiten vorgestellt.

Der Ort

Wolf-Werk Halle 109. Impression 2020.

Die Halle 109 bietet mit ihrer Größe und Ausstattung hervorragende Voraussetzungen für die verschiedenen Prozesse: 250qm freie Arbeitsfläche plus Außenbereich (ca. 1000qm)

Equipment:
  • Kran, Stapler, alle Arten Hebe- und Transportfahrzeuge
  • Hydraulikpresse und Lufthammer
  • kein Kompressor für Steinmetzarbeiten (Steinmetzwerkzeuge in Abstimmung organisierbar)
Materialien:
  • Stahl aller Formate auf Vorbestellung (in Absprache)
  • Vermittlung von Materialien wie Holz oder Stein möglich
Kost und Logis:
  • Verköstigung durch ortsansässigen Caterer möglich (Kostenbeteiligung)
  • je nach Abstimmung in privater Pension oder zu Sonderkonditionen im Hotel
Anreise:
  • auf eigene Kosten
Transport:
  • der An- und Abtransport der Materialien und Werke geht zu Lasten der Teilnehmer:innen

Die Ausschreibung:

Bildhauer:innen aus ganz Europa können sich zur Teilnahme an dem Symposion bewerben.

Einzureichen sind ausschließlich in digitaler Form:

  • Bewerbungsformular
  • Portfolio inkl. CV, Arbeitsproben und Artist-Statement (max. 2 MB)
  • Beschreibung eines zum Thema passenden Arbeitsvorhabens bzw. Idee (ein fertig formuliertes Vorhaben bei adäquatem Nachweis vergleichbarer Arbeiten, ist nicht zwingend notwendig. Die Ideenskizze kann sich auch – ggf. gemeinsam – unter dem Symposion entwickeln.)  (max. 1000 Zeichen inkl. Leerzeichen)

Eine Jury bestehend aus 1 Kurator:in, 1 Kunstkritiker:in sowie 1 Mitglied von Sculpture Network und dem Veranstalter selbst, wählt die Teilnehmer:innen aus.

Bewerbungsschluss ist der 26. Juli 2021

Projektmanagement: BAM! Berlin Art Management – Anemone Vostell

In Kooperation mit: Sculpture Network


[i] Mit Bildhauersymposium (auch Bildhauersymposion) wird eine Veranstaltung bezeichnet, bei der mehrere Bildhauer oder auch andere Schöpfer plastischer Kunstwerke, wie Metallplastiker oder Keramikkünstler zusammenkommen und in einer gemeinsamen Werkstätte oder Werkplatz Skulpturen entwerfen und gestalten. Die Künstler leben und arbeiten gemeinsam, setzen sich mit dem gleichen Material oder dem gleichen Thema auseinander und bilden ein gemeinsames Forum.

Während die Bildhauer in ihrem schöpferischen Prozess normalerweise allein in ihren Werkstätten ein Kunstwerk entwarfen und arbeiteten, ggf. auch Helfer mit Detailarbeiten beauftragten, gestalten und arbeiten sie in Bildhauersymposien ihr Werk auf einem gemeinsamen Werkplatz – auch teilweise auf dem späteren Aufstellungsort. Mit dieser neuen Form, diesen fast in allen Fällen internationalen Symposien, bestand die Möglichkeit Bildhauer unterschiedlicher Kunstrichtungen, Nationen und Länder zusammenzuführen, zum künstlerischen und menschlichen Austausch, wie auch in späteren Symposien zur gemeinsamen Gestaltung eines Platzes oder eines gemeinsamen Kunstwerks. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bildhauersymposium)

Forgotten Frames

Zeugnisse der Verbindung von Mensch und Natur  

the laughter. Dhurwa young girl. Village Tiria, 2008. 78.74 x 55.88 cm. S/W Hahnemühle Papier. ©Manoj Kumar Jain/courtesy UTMT
the laughter. Dhurwa young girl. Village Tiria, 2008. 78.74 x 55.88 cm. S/W Hahnemühle Papier.
©Manoj Kumar Jain/courtesy UTMT

Postkoloniale SchwarzWeiß-Fotografien von Manoj Kumar Jain

Mit ‚the forgotten frames‘ zeigt die Galerie ‚Under the Mango Tree‘ vom 28. Mai bis zum 24. Juli 2021 das authentische Portrait einer Gesellschaft, die gleichsam kostbar wie zerbrechlich ist. Der Photograph Manoj Kumar Jain (*1970) verbrachte zwischen 2002 und 2008 ungefähr 150 Tage mit den Dorfbewohnern Bastars in dieser abgeschiedenen Region Zentral-Indiens. Die Adivasi führen dort, tief in den Wäldern, noch immer ein ziemlich unberührtes und traditionsreiches Leben. „Die Fotografien von Manoj sind Zeugnis wirklich wichtiger Dinge: eines Lebensstils, der Natur und Mensch mit der Welt verbindet; einer Welt, die immer mehr zerstört wird…“, sagt Galeristin Mini Kapur, deren diskursiver Ansatz vor allem dem Verständnis des Anderen durch das Erleben von Kunst gilt. 

„Früher, sagen die Leute, konnten sie ihren Göttern in die Augen schauen und sprechen. In diesen Tagen sind die Götter merkwürdig abwesend, und nur der rohe Mut in ihren Augen bleibt, wie jedes der Gesichter in diesem Buch bezeugt.“, schreibt die Anthropologin Nandini Sundar in dem Photoband zur Ausstellung. „Aber wenn ich meine Augen öffne, sehe ich die verwüsteten Wälder und die Eindringlinge, die auf die Adivasi-Kultur herabblicken und sie ‚zivilisieren‘ und ‚etablieren‘ wollen. In der oft als ‚letzte Stammesgrenze‘ Indiens bezeichneten Landschaft, werden die Wälder gerodet und die Gesellschaft verändert. Diese Fotos erfassen eine Welt in Transformation, sowohl in scheinbar zeitloser Schönheit als auch in einer Schönheit, die nur noch sehr wenig Zeit hat“.     

Schwarzweiß-Fotografie mit formalistischem Ansatz

Manoj Kumar Jain, der an der Delhi College of Arts Fotografie studierte, verfolgt einen stark formalistischen Ansatz. Seine Augen scheinen das Bild in Formen und Linien zu zerlegen, und manchmal verwandeln sich seine kompositorischen Ideen sogar in Zeichnungen. Auch wenn Photographen wie Sebastião Salgado hohe Maßstäbe für die Schwarzweißfotografie in Bezug auf die malerischen und skulpturalen Qualitäten setzten, Manoj gelingt es mit seiner Wahl der analogen Schwarzweiß-Fotografie die Authentizität der Kultur und der Menschen, formal wie inhaltlich abzubilden.

the circle of simplicity. Plate outside a house. Village Devgaon, 2008. 40 x 55 cms (approx.) S/W Hahnemühle Papier.  ©Manoj Kumar Jain/courtesy UTMT
the circle of simplicity. Plate outside a house. Village Devgaon, 2008. 40 x 55 cms (approx.)
S/W Hahnemühle Papier. ©Manoj Kumar Jain/courtesy UTMT

„Manoj Kumar Jain hat die Adivasi-Kultur von Bastar eingefangen, bevor sie zu verblassen begann, getragen von Landrechtskonflikten, Eisenerz- und Kohlebergbau, dem Einfluss des Tourismus oder der Arbeitsmigration“, schreibt Dr. Uta Ruhkamp vom Kunstmuseum Wolfsburg im Katalog. „Inzwischen könnten seine Bilder bereits zu Geschichten der Wahrheit geworden sein.“

Zur Ausstellung erscheint ein Photoband mit Texten von Dr. Uta Ruhkamp, Kuratorin Kunstmuseum Wolfsburg, Deutschland, und Nandini Sundar, Professorin für Soziologie, Delhi School of Economics, Indien.

‚Celebrating the Seed‘ zum 10jährigen Jubiläum der Galerie

Anlässlich ihres 10jährigen Jubiläums greift die Galeristin Mini Kapur – gebürtige Inderin – das noch heute zelebrierte Marka Pandum, das Mango-Ess-Festival auf, bei dem den Vorfahren die Früchte des Mango-Baumes dargebracht werden. Der Brauch will es, dass niemand Mangos isst, oder gar der Erde Lebensmittel oder Wasser entnimmt, bevor die Ahnen nicht gespeist haben. In diesem Sinne lädt die Galerie, zum Mango-Fest CELEBRATING THE SEED ein, sobald es die Corona-Maßnahmen wieder zulassen. 

Das vielfältige Rahmenprogramm zur Jubiläums-Ausstellung, mit Lesungen, Konzerten und Galerie-Dinnern, finden Sie unter den Pandemie-Bedingungen jeweils aktuell auf der Homepage der Galerie sowie auf Instagram und Facebook.